Die Ankündigung der Aufführung einer Bach-Passion mit Kammerchor und Kammerorchester mochte von vornherein die Erwartung einer historisch informierten Herangehensweise wecken; ein Blick auf die Orchesterreihen vor Beginn des Konzerts steigerte dann die entsprechende Vorfreude mit der Aussicht auf das Zusammenspiel von Gambe, Englischhorn und Kontrafagott mit einem Ensemble bestehend aus Streichern und Holzbläsern sowie Continuo mit Truhenpositiv und Cembalo. Letzteres betätigte in Barock-Manier (wie schon zu vergangenen Gelegenheiten) Universitätsmusikdirektor Wilhelm Schmidts, während er – ja, welche Worte möchte man wählen – diese denkwürdige Aufführung leitete.

Zunächst aber zum Gesang: Vier junge Solistinnen und Solisten, denen ihre bereits vielseitige Erfahrungen mit Konzert- und Opernauftritten durchweg anzumerken waren, begegneten an diesem Abend dem für den erkrankten Frederik Lipka eingesprungenen Bayerischen Kammersänger Jochen Kupfer so gut wie auf Augenhöhe. Dessen Schüler Lorenz Schober gab einen überaus überzeugenden, leidenschaftlichen und doch sanftmütigen Jesus im Gegenpart zu Pontius Pilatus, dem formalen Richter des Prozesses gegen Christus, den der unter anderem als Wagner-Interpret auch international renommierte Kupfer weniger als zaudernden Präfekten denn als Statthalter der römischen Staatsgewalt mit mächtigem Timbre personifizierte; und natürlich den Anklägern, den Priestern und Schriftgelehrten, die zumeist in Gruppenszenen auftreten. Solche musikalisch als sogenannten Turbae-Chöre umgesetzte Äußerungen zum Beispiel aufgebrachter Volksgruppen, ein Markenzeichen der oratorischen Werke Bachs, setzte der von Schmidts hervorragend eingestellte Kammerchor energetisch um.


Besonders eindrücklich gelang der Moment, in dem die Diener des Hohepriesters während des Verhörs Jesu den leugnenden Petrus angehen: „Bist du nicht seiner Jünger einer?“ Das Geschehen wiegelte sich von da an nach und nach im Dialog von Jesus und Pilatus und anhand der erzählenden Anteile des Evangelisten, den Tenor Julius Steinbach mit konsistenter stimmlicher Transparenz und ergreifender Dramatik verkörperte, zum musikalisch-dramatischen Höhepunkt dieser Aufführung auf, der wiederholten Forderung der erregten Menge: „Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!“ Die Artikulation des Chors war hier wie auch sonst erfrischend und klar, auch die Intonation ließ kaum etwas zu wünschen übrig.

Das Uni-Ensemble bestach selbst in den harmonisch komplexen Passagen voller Dissonanzen (in dieser Hinsicht war der „alte Bach“ sehr modern), wie bereits im Eingangschor „Herr, unser Herrscher“, in welchem die geteilte Aufstellung des Chors außerdem räumliche Klangeffekte hervortreten ließ, besonders aber beim heuchlerischen Hinweis der Anklagenden an Pilatus: „Wir dürfen niemand töten“ zu Beginn des zweiten Teils. In den für die Passionen typischen Choräle, die ähnlich zu den Solo-Arien die Perspektive des in das Erlösungsgeschehen involvierten Gläubigen einnehmen, verzichtete Schmidts auf plakative dynamische Effekte, setzte dagegen auf feine agogische Momente inmitten stringenter Phrasierungen und einer schlanken Klangbildung, sodass etwa die Seufzer-Vorhalte im Alt zusammen mit den Tenören („… denn gingst du nicht die Knechtschaft ein…“) ihre Wirkung nicht verfehlten.

Einen ebenbürtigen Anteil am musikalischen Triumph dieses Abends einer – wie dem Programm zu entnehmen war – „Musik zur höheren Ehre Gottes“ hatte jedoch das Orchester. Zum einen waren da die solistischen Anteile, welche die Meisterschaft Bachs im instrumentalen Zusammenspiel mit dem Gesang auf berührende Weise zur Geltung brachten. In der ersten Arie etwa „sangen“ die Oboisten Silke Augustinski und Johann Jakob Winter begleitet von den anderen Holzbläsern und dem Continuo in der Arie „Von den Stricken meiner Sünden“ in klagendem d-Moll zusammen mit der Altistin Isabel Grübl. Deren charakteristischer, samtiger Ton ging ebenso in ihrer Betrachtung der späteren Kreuzigungsszene („Es ist vollbracht, o Trost“) noch einmal unter die Haut, einfühlsam begleitet von Friederike Heumann an der Viola da gamba.

Die gleichfalls uneingeschränkt überzeugende Katharina Schneider (Sopran) wusste mit glockenreiner stimmlicher Beweglichkeit im Dialog mit der Flötistin Katrin Werner lichte Momente dagegen zu setzen („Ich folge dir gleichfalls“). Für einen weiteren Höhepunkt sorgte das Violinen-Duett Eva Hennevogl und Susanne Rödel bei der Darstellung „ängstlichen Vergnügens“ und „bitt‘rer Lust“ zur großen Sangeskunst Jochen Kupfers im Bass-Arioso „Betrachte, meine Seel“.

Insgesamt ist die Leistung eines Orchesters zu würdigen, das vorzüglich harmonierte und bereichert durch die Farben der Gambe und des Kontrafagotts barocke Klangkultur entfaltete. Nachdem es zuvor noch die höhnischen Verbeugungen der spottenden Kriegsknechte hörbar gemacht hatte, vereinte es sich mit dem Chor zum ergreifenden und Hoffnung ausdrückenden Schlussgesang.


