Seit dem Wintersemester 2025/26 lehrt und forscht Prof. Dr. Gizem Hülür an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Sie beschäftigt sich mit Entwicklungsverläufen im Erwachsenenalter, mit kognitiven Prozessen, Wohlbefinden und sozialen Beziehungen. Methodisch arbeitet sie vor allem mit Längsschnittstudien und alltagsnahen Erhebungen. Nach Stationen in Berlin, Zürich, Tampa und Bonn ist sie nun in Bamberg – aus fachlicher Überzeugung.
Liebe Frau Hülür, wie sind Sie zur Psychologie gekommen und was fasziniert Sie an dem Fach?
Gizem Hülür: Das war eine spontane Entscheidung – ich habe mich damals für mehrere Studiengänge interessiert. Die Wahl fiel schließlich auf ein Psychologiestudium an der Humboldt-Universität zu Berlin. Psychologie ist ein enorm vielseitiges Fach: Man lernt viel über den Menschen, aber auch methodische Grundlagen, die in vielen Bereichen anwendbar sind. Anschließend habe ich an der internationalen Max Planck Research School on Learning, Institutions, and Future Evolution (LIFE) promoviert. Diese Zeit war sehr prägend, gerade durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit und den internationalen Austausch. In meiner Dissertation ging es um die kognitive Entwicklung von Jugendlichen.
Wie ging es nach der Promotion weiter?
Nach meiner Promotion bin ich als Postdoktorandin an der Humboldt-Universität geblieben. In dieser Zeit habe ich vor allem mit älteren Erwachsenen gearbeitet und mich mit kognitivem Altern beschäftigt. Ich habe meine Schwerpunkte auch erweitert – neben Kognition kamen Themen wie Wohlbefinden und soziale Beziehungen dazu. Danach bin ich in die Schweiz gegangen, als Assistenzprofessorin in Zürich. Mein Bereich hieß dort Längsschnittforschung des Alterns. Nach drei Jahren in Zürich hat mich mein Weg in die USA geführt, an die School of Aging Studies der University of South Florida. Anschließend bin ich nach Bonn gegangen und habe dort vier Jahre lang die Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie geleitet.
Wieso hat Sie Ihr Weg gerade nach Bamberg geführt?
Hier gibt es viele Schwerpunkte, die sich mit meinen Interessen decken. Ein Beispiel ist der Fokus auf Längsschnittforschung – also Studien, in denen dieselben Personen über längere Zeit hinweg mehrmals befragt werden und man ihre Entwicklung begleiten kann. Damit beschäftige ich mich schon seit Beginn meines wissenschaftlichen Werdegangs. Auch der Schwerpunkt auf Entwicklungs- und Bildungsprozesse passt sehr gut. Hier kann ich meine Themen zur Entwicklung im Erwachsenenalter weiterverfolgen und untersuchen, wie sich Menschen unterscheiden – zum Beispiel in ihrer kognitiven Entwicklung, in ihrem Wohlbefinden oder in ihren sozialen Beziehungen.
Können Sie von einem Forschungsprojekt berichten, das besonders anschaulich zeigt, womit Sie sich beschäftigen?
Ein Projekt, das ich in der Schweiz durchgeführt habe, heißt „Digitalization and the Social Lives of Older Adults“. Darin ging es um das Kommunikationsverhalten älterer Personen. Wir haben Menschen über 65 gebeten, nach jeder sozialen Interaktion einen kurzen Fragebogen auszufüllen. Am Abend haben wir zusätzlich gefragt, wie sie sich insgesamt an diesem Tag gefühlt haben. So konnten wir untersuchen, wie ältere Menschen über verschiedene Kanäle kommunizieren und wie sich das auf ihr Wohlbefinden auswirkt. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass der persönliche Kontakt am meisten zum Wohlbefinden beiträgt und eine besondere Stellung neben anderen Kommunikationsformen hat. Ein Teil der Personen konnte außerdem während der Covid-19-Pandemie erneut befragt werden. Dort haben wir gesehen, dass persönlicher Kontakt zwar stark eingeschränkt war und sich das Wohlbefinden und die Einsamkeit ungünstig entwickelt haben – aber textbasierte Kommunikation, also etwa SMS, E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten, hatte in dieser besonderen Zeit durchaus Kompensationseffekte. Sie konnte zumindest teilweise auffangen, dass Menschen nicht wie gewohnt mit anderen zusammen sein konnten.
Welche Pläne haben Sie für Ihre Forschung in Bamberg?
Ein aktuelles Projekt beschäftigt sich mit Gedächtnisproblemen im Alltag. Solche Erfahrungen kennen wir alle: Man erinnert sich plötzlich nicht an den Namen einer Person, die man eigentlich kennt, vergisst eine Erledigung, die man sich vorgenommen hatte, oder merkt, dass man mit den Gedanken ganz woanders ist. In einer aktuellen Studie schauen wir uns solche Gedächtnisprobleme bei älteren Personen an. Wir untersuchen, von welchen Faktoren solche Erfahrungen abhängen, zum Beispiel vom momentanen Wohlbefinden oder von Stress, und welche Konsequenzen sie für den Alltag haben. Außerdem prüfen wir, ob solche alltäglichen Gedächtniserfahrungen differenzialdiagnostisch nutzbar sind, also dabei helfen können, Erkrankungen zu erkennen. Wir arbeiten mit drei Gruppen: gesunden älteren Personen, Patientinnen und Patienten aus einer Gedächtnisambulanz und Personen mit Depression. Die Studie führen wir in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn und Magdeburg durch.
Was ist Ihnen in der Lehre besonders wichtig?
Mir ist wichtig, dass Studierende Grundlagen mitnehmen, die ihnen auch nach der Studienzeit helfen, zum Beispiel beim eigenständigen Wissenserwerb. Denn das Wissen wächst sehr schnell. Deshalb halte ich es für eine zentrale Kompetenz, selbstreguliert lernen und sich mit neuen Informationen auseinandersetzen zu können – auch über das Studium hinaus.
Vielen Dank für das Gespräch!
