Von Journalismusforschung bis Terrorismus als Kommunikation

Die neue Professorin für Kommunikationswissenschaft Liane Rothenberger stellt sich vor

Prof. Dr. Liane Rothenberger
  • Menschen
  •  
  • 22.01.2026
  •  
  • Hannah Fischer
  •  
  • Lesedauer: 5 Minuten

Seit Oktober 2025 verstärkt Prof. Dr. Liane Rothenberger die Kommunikationswissenschaft der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und folgt damit auf Prof. Dr. Rudolf Stöber, der bis zum Frühjahr 2025 den Lehrstuhl innehatte. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Journalismusforschung, Migration und Mediennutzung sowie Krisenkommunikation. Mit Stationen in Eichstätt und Ilmenau bringt sie langjährige wissenschaftliche Erfahrung und ein starkes Interesse an interdisziplinärer Zusammenarbeit mit.

Frau Rothenberger, Sie haben den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft inne. Warum sollte man aus Ihrer Sicht heute Kommunikationswissenschaft studieren?

Liane Rothenberger: Weil wir in einer medien- und kommunikationsdominierten Welt leben. Medienbildung ist für mich eine Grundkompetenz, die bereits in der Schule eine zentrale Rolle spielen sollte. Denn es ist wichtig zu verstehen, wie Medien unsere Wahrnehmung von Themen und Meinungen beeinflussen und wie sich dadurch gesellschaftliches Zusammenleben verändert, wenn jede Person in einer eigenen Informationswelt lebt. Kommunikationswissenschaft kann uns dabei helfen, diese Phänomene zu verstehen.

War für Sie selbst schon immer klar, dass Sie Professorin für Kommunikationswissenschaft werden möchten?

Ehrlich gesagt: nein. Ich habe Diplom-Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt mit den Nebenfächern Romanistik und Musikwissenschaft studiert, erst einmal mit dem Ziel, in die journalistische Praxis zu gehen. So habe ich auch ein Volontariat bei einem Verlag für Musikbücher und Praktika etwa beim Spiegel und beim ZDF absolviert. Schon während meiner Diplomarbeit habe ich aber gemerkt, wie viel Spaß mir das wissenschaftliche Arbeiten macht. Denn in der Wissenschaft kann man viel tiefer in Themen eintauchen als es im Journalismus möglich ist. Für die Tageszeitung muss ein Artikel beispielsweise um 18 Uhr fertig sein – egal, ob man eine wichtige Quelle noch erreicht hat oder nicht. In der Forschung kann man sich mehr Zeit nehmen, sehr gründlich arbeiten und langfristige Projekte aufbauen. 

Sie haben sich dann also für eine Promotion und Habilitation entschieden.

An der KU Eichstätt wurde ich promoviert zur Programmentwicklung des deutsch-französischen TV-Kulturkanals „arte“. Anschließend habe ich mich an der TU Ilmenau 13 Jahre lang primär mit Krisenkommunikation und Journalismusforschung beschäftigt. Habilitiert habe ich mich zum Thema Terrorismus als Kommunikation und danach eine Stiftungsprofessur für Medien und Öffentlichkeit mit Schwerpunkt Migration an der KU Eichstätt-Ingolstadt übernommen. Den Lehrstuhl in Bamberg finde ich besonders attraktiv, weil hier die Journalismusforschung ein wichtiger Bestandteil ist, aber die Kommunikationswissenschaft thematisch breit aufgestellt ist. Das schafft für mich neue Spielräume.

Wo liegen Ihre Forschungsschwerpunkte?

Auf jeden Fall Journalismusforschung – die begleitet mich seit Beginn. Dazu kommt die Forschung zu Migration und Medien, zur Krisenkommunikation sowie zu Ungleichheit und Teilhabe. 

Migration ist ein hochaktuelles Thema. Können Sie von einem konkreten Projekt aus diesem Bereich berichten?

In einem Projekt haben wir untersucht, wie migrantische Familien in Deutschland Medien nutzen. Zunächst haben wir dazu irakische und syrische Familien befragt, später auch ukrainische Familien. Ein zentrales Ergebnis ist, dass sich Kinder auch medial deutlich schneller integrieren als ihre Eltern. Und dass bestimmte Medien – zum Beispiel Comics und Zeichentrickserien – beim Spracherwerb sehr hilfreich sein können. Gleichzeitig gibt es kulturelle Vorbehalte: Manche Eltern empfinden westliche Fernsehformate für ihre Kinder als ungeeignet, weil in ihren Herkunftskulturen stärker auf moralische Vorbilder geachtet wird. Auch Kussszenen sind für manche Eltern problematisch. Diese Unterschiede zeigen sich bis in den Schulalltag, etwa wenn Kinder nicht mit der Klasse ins Kino dürfen.

Sie haben Terrorismusforschung als weiteren Schwerpunkt genannt. Gibt es aktuelle Projekte?

Ich arbeite derzeit mit Kollegen an einer bibliometrischen Studie, in der wir sämtliche Zeitschriftenpublikationen aus der Terrorismusforschung seit den 1990er Jahren auswerten – welche Themen dominieren, aus welchen Ländern die Autorinnen und Autoren kommen, und wie sich die Forschung quantitativ entwickelt hat.

Wie tragen Sie Ihre Forschung in die Gesellschaft?

Ein größeres Transferprojekt läuft aktuell noch unter dem Titel „Mensch in Bewegung“. Es geht in dem Projekt darum, Wege zu finden, mit den Menschen in den Dialog zu treten zu drängenden Themen unserer Zeit. Ich beschäftige mich vor allem damit, wie Themen rund um Künstliche Intelligenz (KI) für schwer erreichbare Zielgruppen aufbereitet werden können. 

Im ersten Jahr haben wir mit Schülerinnen und Schülern gearbeitet und einen Social-Virtual-Reality-Raum entwickelt. Themen sind dort etwa KI-Influencer oder Chatbots – also Inhalte, die Jugendliche beschäftigen. Zur Wissensvermittlung nutzen wir dabei auch Gamification-Ansätze, beispielsweise ein Quiz.

Im zweiten Jahr standen Migrantinnen und Migranten im Mittelpunkt. Wir waren in Sprachcafés und Migrantentreffs und haben anschließend ein YouTube-Format entwickelt, moderiert von einer Person aus einer Familie mit eigener Migrationserfahrung. Weitere Migranten und Wissenschaftler kommen in dem Format zu Wort.

Aktuell beschäftigen wir uns noch damit, wie wir Seniorinnen und Senioren mit einem Fernsehformat erreichen können.

Wo sehen Sie mit Ihrer Forschung Anknüpfungspunkte in Bamberg?

Ich bin ein großer Fan interdisziplinärer Forschung und hoffe, hier zum Beispiel mit der Migrationsforschung und der Informatik kooperieren zu können, nachdem ich mich ja auch mit Themen wie KI oder Virtual Reality beschäftige. Hier in Bamberg gibt es bereits Expertise in dem Bereich, und ich würde mich freuen, daran anzuknüpfen.

Und zum Abschluss: Was ist Ihnen in der Lehre besonders wichtig?

Mir ist wichtig, dass Studierende selbst forschen: kleine Lehrforschungsprojekte, eigene Datenerhebungen, eigene Auswertungen. In einem aktuellen Seminar analysieren wir die Berichterstattung zu Terroranschlägen und untersuchen, welche Quellen Journalistinnen und Journalisten für ihre Berichterstattung verwenden – eher politische Eliten, Forschende oder eher Betroffene und Angehörige? Außerdem finde ich auch eine medienethische Perspektive in der Lehre sehr wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch!

nach oben
Seite 174612, aktualisiert 22.01.2026