„Im Gehirn steckt die Summe unseres Lebens“

Professorin Sonja Kleih-Dahms über klinische Biopsychologie, Brain-Computer-Interfaces und neue Wege der Rehabilitation

Porträt Sonja Kleih-Dahms
  • Menschen
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  • 12.02.2026
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  • Hannah Fischer

Das Gehirn fasziniert Prof. Dr. Sonja Kleih-Dahms schon lange – nicht nur als biologisches Organ, sondern als Träger von Identität, Erinnerung und menschlichem Erleben. Im Interview spricht sie unter anderem über ihre Arbeit mit Brain-Computer-Interfaces und neuropsychologischer Rehabilitation. Seit dem Wintersemester 2025/26 ist sie Professorin für Klinische Biopsychologie an der Universität Bamberg, leitet das Bamberger Living Lab Demenz (BamLiD) und führt die Professur weiter, die Prof. Dr. Stefan Lautenbacher von 2001 bis 2023 als Professor für Physiologische Psychologie geprägt hat.

Frau Kleih-Dahms, Ihre Professur trägt die Denomination „Klinische Biopsychologie“. Was kann ich mir darunter vorstellen?

Sonja Kleih-Dahms: Diese Denomination hat für mich tatsächlich fast etwas identitätsstiftendes. Mein beruflicher Weg hatte immer zwei Seiten: die klinische Psychologie und die biopsychologische Forschung. Ich bin approbierte Psychotherapeutin, verhaltenstherapeutisch ausgebildet und zusätzlich systemische Familientherapeutin. Gleichzeitig forsche ich zu Brain-Computer-Interfaces also Verfahren, bei denen man Gehirnaktivität misst und in Steuerbefehle für technische Systeme übersetzt, um etwa Kommunikation oder Umweltkontrolle zu ermöglichen. Lange hatte ich das Gefühl zwischen den Stühlen zu sitzen. Die klinische Psychologie fand mich oft sehr „bio“, die Biopsychologie eher zu klinisch. Als ich dann die Ausschreibung an der Universität Bamberg gesehen habe, dachte ich: Ja, genau, diese Professur benennt sehr klar, was ich eigentlich schon lange mache.

Welcher Weg hat Sie nach Bamberg geführt?

Ich habe in Tübingen Psychologie studiert und dort auch meine Promotion begonnen – im Rahmen eines EU-Projekts zu Brain-Computer-Interfaces. Meine Doktormutter wurde dann nach Würzburg berufen, und ich bin mitgegangen. Dort habe ich viele Jahre geforscht und gelehrt. 

Was hat Ihre Forschung in dieser Zeit besonders geprägt?

In meiner Promotion habe ich mit Menschen mit amyotropher Lateralsklerose (ALS) gearbeitet, die ihre Sprache verloren hatten. Ziel war es, mithilfe von Brain-Computer-Interfaces Kommunikation zu ermöglichen. Dabei habe ich schnell gemerkt: Bei schweren Erkrankungen arbeitet man nie nur mit der betroffenen Person. Angehörige sind immer eingebunden. Siepflegen, treffen Entscheidungen, übernehmen rechtliche Verantwortung und sind selbst stark belastet. Gerade bei schweren, oft tödlich verlaufenden Erkrankungen prägen diese familiären und emotionalen Konstellationen den Forschungsalltag stark. Mir wurde klar, dass es therapeutische Kompetenzen braucht, um diesen Situationen gerecht zu werden. Dass mir diese Werkzeuge zunächst fehlten, war der Anstoß für meine therapeutischen Weiterbildungen.

Wie würden Sie Ihre Forschungsschwerpunkte heute zusammenfassen?

Ein Schwerpunkt ist die klinische Anwendung: Ich untersuche, ob Brain-Computer-Interfaces rehabilitativ eingesetzt werden können, etwa bei Menschen mit Aphasie oder Aufmerksamkeitsdefiziten, die bereits als austherapiert gelten. Der zweite Schwerpunkt liegt auf den psychologischen Faktoren, die die Arbeit mit Brain-Computer-Interfaces beeinflussen, etwa Motivation oder Aufmerksamkeit. Mich interessiert, ob sich solche Faktoren nicht nur im Verhalten, sondern auch in der Hirnphysiologie abbilden lassen. Der dritte Schwerpunkt ist stärker versorgungsorientiert: Ich beschäftige mich mit der Frage, wie man Interventionen niedrigschwelliger gestalten kann – etwa durch Online-Formate.

Können Sie ein Projekt genauer beschreiben?

Ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt, betrifft Schlaganfallpatientinnen und -patienten mit chronischen Aufmerksamkeitsdefiziten. Viele berichten, dass sie sich im Alltag nach dem Schlaganfall schlechter konzentrieren können, etwa in Gesprächen oder in geräuschvollen Umgebungen. In einem Neurofeedback-Training messen wir per Elektroenzephalografie (EEG) die Gehirnaktivität. Die Teilnehmenden steuern auf dem Bildschirm ein Objekt allein durch ihre Hirnaktivität. Bestimmte Aktivierungsmuster stehen dabei für erhöhte Aufmerksamkeit und werden gezielt trainiert. Solche Trainings haben sich bereits bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als wirksam erwiesen. Uns interessiert, ob das auch bei Menschen mit Schlaganfall funktioniert. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, belastbare Aussagen erfordern jedoch größere Studien, die ich in Bamberg gerne weiterführen möchte.

Welche weiteren Projekte planen Sie in Bamberg?

Ich arbeite aktuell an einem Online-Interventionsprogramm für Menschen mit Parkinson. Präsenzangebote sind für diese Patientengruppe oft schwer umsetzbar, weil die Beweglichkeit über den Tag stark schwankt und Angehörige eingebunden werden müssen. Online-Formate könnten hier eine sinnvolle Ergänzung sein.

Und natürlich wird es auch im BamLiD weitergehen: Dort planen wir neue Studien mit Menschen mit chronischen Schmerzen. 

Was ist Ihnen in der Lehre besonders wichtig?

Studierende sollen die biologischen Grundlagen der Psyche verstehen, einschließlich der Wirkungen von Psychopharmaka und Drogen, und dabei lernen, Inhalte kritisch zu hinterfragen und eine eigene Haltung zu entwickeln. Im klinischen Master lege ich außerdem großen Wert auf Praxisnähe. Studierende sollen eine konkrete Vorstellung davon bekommen, wie sich therapeutische Ansätze unterscheiden und wie sie angewendet werden. Und mir ist wichtig, eine Haltung zu vermitteln, in der Respekt selbstverständlich ist – gerade in einer Zeit, in der Meinungsverschiedenheiten oft mit fehlender Wertschätzung ausgetragen werden.

Warum sollte man aus Ihrer Sicht heute Psychologie studieren?

Psychologie eröffnet viele berufliche Möglichkeiten. Man muss nicht zwangsläufig Psychotherapeutin oder -therapeut werden – es gibt viele Wege, in Forschung und Beratung, aber auch Organisationspsychologie oder Personalentwicklung.

Was fasziniert Sie persönlich an der Psychologie?

Mich fasziniert vor allem die Idee, dass im Gehirn die Summe unseres Lebens steckt: unser Gedächtnis, unsere Erinnerungen, unsere Persönlichkeit. Und ich finde es sehr spannend zu erforschen, welche rehabilitativen Möglichkeiten es gibt, Menschen zu unterstützen, wenn das System aus dem Gleichgewicht gerät. 

Vielen Dank für das Gespräch! 

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Seite 174947, aktualisiert 18.02.2026