Digitales Leben – von der Geburt bis zur Rente

Bei einer Podiumsdiskussion diskutierten Bamberger Wissenschaftler*innen über die digitale Gesellschaft.

  • Campus
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  • 08.07.2022
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  • Hannah Fischer
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  • Lesedauer: 8 Minuten

Wo stehen wir als Gesellschaft in Sachen Digitalisierung? Birgt die Digitalisierung Gefahren für die Demokratie? Was kann die Wissenschaftskommunikation zum Thema Digitalität beitragen? Wie kann man die Menschen anleiten, dass sie digital souverän werden? Und was hat zu all diesen Fragen die Universität beizutragen? Das sind große Fragen, die weder schnell noch einfach zu beantworten sind. Das zeigte die Podiumsdiskussion unter dem Titel „Digitale Gesellschaft“ am Dienstag, 5. Juli. „Wir befinden uns mitten in einem Epochenwandel. Die Digitalisierung verändert unser Leben und unsere Arbeitswelt“, sagte Universitätspräsident Prof. Dr. Kai Fischbach, der die Diskussion moderierte, und zitierte damit den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Dass das Thema Digitalität die ganze Gesellschaft – vom Säugling bis zur Rentnerin, vom Hausmann bis zur IT-Spezialistin – und damit auch alle Bereiche der Universität Bamberg betrifft, wurde ebenfalls schnell klar. Allein die Zusammensetzung des Podiums sprach schon dafür: Es diskutierten Psychologe Prof. Dr. Claus-Christian Carbon, Informatiker Prof. Dr. Dominik Herrmann, Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Olaf Hoffjann, Politikwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Jungherr und Informatikerin Prof. Dr. Ute Schmid.

Wo stehen wir als Gesellschaft in Sachen Digitalisierung?

Befinden wir uns noch mitten in der Phase der Digitalisierung – also dem Prozess hin zu einer digitalen Gesellschaft mit neuen Handlungsabläufen, Wahrnehmungsformen und Denkstrukturen? Oder sind wir sozusagen schon beim nächsten Schritt, der Digitalität, angekommen, weil der Prozess der Digitalisierung bereits eine solche Tiefe erreicht hat, dass ein neuer kultureller Möglichkeitsraum, geprägt durch digitale Medien, offensteht? Die Meinungen gehen hier auf dem Podium auseinander. „Das, was wir jetzt als Digitalisierung erleben, ist ein kleiner Anfang“, meint etwa Claus-Christian Carbon. Noch sei das digitale Denken nicht in unseren Köpfen angekommen. Ute Schmid spricht hingegen schon von Digitalität. Sie meint aber beispielsweise auch: Künstliche Intelligenz (KI) sei noch nicht so weit, wie oftmals gedacht wird. Der Roboter „Pepper“ etwa könne zwar Menschen im Altenheim zu Bewegung anleiten, füttern kann er sie aber nicht. Und Bewegungsanleitung würde ein Youtube-Video auch schaffen – dafür brauche es keine Künstliche Intelligenz.

„Die Politik setzt sich zu große Ziele“, sagt Dominik Herrmann. Dazu zählen etwa auch Roboter für den privaten Bereich. Nur KI, Quantencomputing und Blockchain würden als „richtige Digitalität“ gesehen – Naheliegendes werde links liegen gelassen, was man auch an Ausschreibungen für Fördermittel sehe. Diesen „Hypezyklus“ müsse man als Wissenschaftler*in geschickt nutzen, wenn man gemeinwohlstiftend forschen möchte. Und auch der Präsident bestätigt: „Wenn wir Mehrwert für die Gesellschaft erzeugen wollen, brauchen wir eine umfänglichere Auffassung davon, was digitalisiert werden soll und welche Ziele wir damit verfolgen wollen.“ Andreas Jungherr ist der Meinung, dass wir uns gar nicht so früh im Prozess der Digitalisierung befinden. Die Anfänge gehen schon bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Allerdings sei dieser Prozess lange von der Öffentlichkeit unbeobachtet in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, wie zum Beispiel Wirtschaft und Wissenschaft abgelaufen. Seit einigen Jahren sehen wir nun aber, wie Digitalisierung in der Politik und bei den Nutzer*innen ankommt. Momentan fände aber auch im Hintergrund eine Veränderung und Anpassung durch unspektakuläre Nutzung etwa im Bereich der KI statt. Dabei gehe es zum Beispiel um Künstliche Intelligenz, die Prozesse erleichtert und Praktiken anpasst und nicht die „Terminator-KI“, die sich viele vorstellen.

Birgt die Digitalisierung Gefahren für die Demokratie?

Seit der Wahl Donald Trumps in den USA kommen vor allem auch Geschichten auf, die der Gesellschaft Angst vor Digitalisierung machen, erklärt Jungherr. Die Angst bestehe darin, dass digitale Medien eine Zersetzung von Demokratie auslösen würden. Hier müsse man aber kritisch hinsehen. Das meint auch Claus-Christian Carbon: „Was leistet KI bei der Ansprache von Nutzergruppen, und hat Trump deswegen wirklich gewonnen?“ Es würde zwar teilweise behauptet, dass Algorithmen uns besser kennen als unser Partner oder unsere Partnerin, und dass mit diesem Wissen unser Handeln massiv beeinflusst werden kann. Das bezweifelt der Psychologe. Er ist der Meinung, dass sich gerade eine Wahl noch immer an der Würstelbude oder durch eine emotionale und überzeugende Rede entscheidet. Die oft in der Öffentlichkeit diskutieren Big Data Analysen seien darüber hinaus für die Politik nicht so spannend, um daran den Wahlkampf auszurichten, ergänzt Jungherr. Daten aus dem Wahlregister seien etwa in den USA noch immer viel wichtiger.

In der strategischen Kommunikation herrscht ein sehr euphorischer Blick auf das Thema, wie Kommunikationswissenschaftler Olaf Hoffjann weiß. Die weit verbreitete Überzeugung sei: Man muss ja nur die richtigen Likes und Informationen auf Social Media sammeln. Dann kann man damit jede Wahl gewinnen. „Das ist sehr naiv“, meint Hoffjann. „Und in Deutschland sind wird davon ohnehin noch sehr weit entfernt. Weder Merkel noch Scholz haben so ihre Wahlkämpfe geführt.“ Ähnlich wie Carbon ist er davon überzeugt, dass die Wahlentscheidung noch immer durch dieselben Dinge beeinflusst wird wie im analogen Zeitalter. Dennoch entwickelt sich neue Geschäftsmodelle innerhalb der strategischen Kommunikation, mit denen viel Geld verdient werden kann. Wie man es auch dreht und wendet: „Wir alle hätten nie gedacht, dass Demokratie etwas Fragiles ist“, sagt Ute Schmid. „Das ist eine große Herausforderung. Die Digitalität bietet hier riesige Chancen, aber auch Risiken.“

Was kann die Wissenschaftskommunikation zum Thema Digitalität beitragen?

Im Journalismus hingegen wird die Digitalisierung eher als Bedrohung empfunden, weiß Olaf Hoffjann. Dabei gehe es etwa um sogenannte „Deep Fakes“, die für den Journalismus eine große Bedrohung darstellen. „Öffentliche Meinungsbildungsprozesse können hier massiv beeinflusst werden – das haben die Wahl von Trump, aber auch der Brexit zumindest angedeutet“, erklärt Hoffjann. Wissenschaftskommunikation ist aktuell so wichtig wie nie – gerade bei schwierigen und umstrittenen Themen wie Corona oder KI, meint Ute Schmid. „Wir erreichen aktuell aber mit unserer Wissenschaftskommunikation 90 Prozent der Menschen nicht, und das ist verdammt gefährlich“ sagt sie. Olaf Hoffjanns Prognose ist pessimistisch, wenn er sich die Pandemie als Beispiel für die Wissenschaftskommunikation anschaut: „Ich schreibe Christian Drosten zu, dass er sich geopfert hat. Er wurde für seine Wissenschaftskommunikation massiv angegangen – auch persönlich. Ob sich nach dieser Erfahrung in Zukunft noch ein anderer Wissenschaftler bei einem kontroversen Thema so nach außen traut wie er, wage ich zu bezweifeln.“ Auch Medienhäuser – egal ob öffentlich-rechtlich oder privat – haben sich während Corona nicht mit Ruhm bekleckert, meint Dominik Herrmann. Komplexe Themen aus der Wissenschaft werden stark heruntergebrochen.

Wie kann man die Menschen anleiten, dass sie digital souverän werden?

Das führt zu einem weiteren Problem. Ein Großteil der Bevölkerung ist unbedarft, wenn es um Digitalität geht. „Wir haben uns längst mit dem Wort ‚Kontrollverlust’ angefreundet“, sagt Dominik Herrmann. Smartphones seien beispielsweise gut bedienbar. Dass gewisse Daten gegen die Nutzer*innen verwendet werden können, sei oftmals nicht unmittelbar sichtbar, weil es sich um abstrakte Risiken handelt. „Eigentlich bräuchten wir jede Menge Aufklärung“, stellt Herrmann fest. Aber an den Schulen fehlten die entsprechend ausgebildeten Lehrer*innen, an den Hochschulen sei das Curriculum voll und die Presse habe kaum Journalist*innen, die in diesem Bereich affin sind.  „Wir müssen schauen, dass die digitale Kluft nicht weiter auseinandergeht“, bestätigt Ute Schmid. „Im Zeitalter von digitalen Möglichkeiten brauchen wir ganz andere Kompetenzen als in analogen Zeiten.“ Auswendiglernen sei etwa an deutschen Schulen noch immer gang und gäbe, so Schmid. Viel wichtiger für die Schüler*innen sei es aber eigentlich, zu lernen, wie man Informationsquellen richtig nutzt, prüft und bewertet. Als Universität könne man hier besonders inneruniversitär ansetzen, indem man grundlegende Digitalisierungs- und Informatik-Kompetenzen in allen Studiengängen vermittelt. Ute Schmid gibt selbst schon Seminare zu KI speziell für Psychologiestudierende. Vor allem bei der Lehramtsausbildung sei eine derartige Wissensvermittlung wichtig, „weil Lehrer*innen unsere Zukunft ausbilden“, sagt Schmid. In der Lehrerinnen- und Lehrerbildung könne sich in Zukunft die Fakultät für Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik (WIAI) stärker einbringen, stellt Kai Fischbach in Aussicht.

Wie will sich die Universität in Sachen Digitalität aufstellen?

„Hier in der Runde sieht man, wie unglaublich wichtig interdisziplinärer Austausch ist“, sagt Schmid. Sie erlebe es oft, dass Informatiker*innen soziotechnische, kognitive oder auch psychologische Aspekte nicht berücksichtigen. Auf der anderen Seite hätten Geistes- Sozial- und Humanwissenschaftler*innen oft keine klare Vorstellung von, beispielsweise, KI. „An der Universität Bamberg haben wir einen echten interdisziplinären Dialog, der beide Seiten bereichert.“ Das Forschungs- und Lehrprojekt „Digitale Kulturen der Lehre entwickeln“ (DiKuLe) ist dafür ein gutes Beispiel. Es hat sich zum Ziel gesetzt, koordiniert und reflektiert neue Lösungen und Formate für die digitale Lehre an der Universität Bamberg zu entwickeln. Dabei bündelt es die Stärken des geistes-, sozial- und humanwissenschaftlichen Profils der Universität mit den Kompetenzen der dynamisch wachsenden Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik. Insgesamt sind mehr als 30 Personen aller vier Fakultäten beim Projekt dabei. „Wir haben an unserer Universität sehr durchlässige Grenzen zwischen den Fakultäten und den Fächern und fast überall herrscht großes Interesse mit anderen zusammenzuarbeiten“ sagt Kai Fischbach „Ich glaube, dass wir dadurch eine riesige Chance haben im Feld der Digitalität erfolgreich zu sein – auch im Vergleich zu anderen, vielleicht größeren Universitäten.“

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