„Eine Uni – ein Buch“: Auftaktveranstaltung mit dem Autor

Wo es im Bereich KI noch hakt und was sich ändern muss, damit wir KI vertrauen können, zeigt Gary Marcus in einem Live-Gespräch.

Personen sitzen in einem Hörsaal und hören dem Vortrag zu.
  • Campus
  •  
  • 10.05.2022
  •  
  • Hannah Fischer
  •  
  • Lesedauer: 7 Minuten

Künstliche Intelligenz (KI) ist ein Thema, das fasziniert, aber auch Ängste wecken kann – und es ist aktuell so heiß diskutiert wie selten zuvor. Seit vielen Jahren, noch lange vor dem derzeitigen Hype, haben sich Bamberger Forscher*innen mit KI beschäftigt. Und jetzt soll es die ganze Universität, ja, die ganze Stadt tun. Denn die Universität Bamberg hat beim Wettbewerb „Eine Uni – ein Buch“ gewonnen. Die erste Veranstaltung, eine virtuelle Keynote mit dem KI-Experten und Autor des ausgewählten Buches Gary Marcus, fand am Dienstag, 3. Mai, statt.

„Hinter dem Wettbewerb steckt die Idee, anhand eines ausgewählten Buchs ins Gespräch zu kommen – über alle Fakultäten und Statusgruppen innerhalb der Universität hinweg“, erklärt der Direktor der Universitätsbibliothek Dr. Fabian Franke. Er hat gemeinsam mit Prof. Dr. Ute Schmid, Inhaberin der Professur für Angewandte Informatik, insbesondere Kognitive Systeme, und einer interdisziplinären Arbeitsgruppe die Förderung eingeworben. In Bamberg steht das Buch „Rebooting AI - Building Artificial Intelligence We Can Trust“ von den US-amerikanischen Autoren Gary Marcus und Ernest Davis jetzt für ein Jahr im Fokus. Der bundesweite Wettbewerb wird vom Stifterverband und der Klaus Tschira Stiftung in Kooperation mit dem ZEIT Verlag ausgerichtet. Insgesamt 10.000 Euro Preisgeld erhält die Universität Bamberg für die Umsetzung ihrer Aktionen.

Um was geht es im Buch „Rebooting AI - Building Artificial Intelligence We Can Trust”?

Die Autoren bieten eine auch für Laien verständliche Analyse des aktuellen Stands der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und zeigen Schritte auf, die wir Menschen unternehmen müssen, um eine wirklich zuverlässige KI zu entwickeln. Denn trotz des Hypes ist die Schaffung einer Intelligenz, die mit der menschlichen mithalten kann oder sie sogar übertrifft, weitaus komplizierter als gedacht. Das belegen zahlreiche Beispiele, die Gary Marcus in seinem Vortrag aufzeigt: Der Textgenerator GPT-3 etwa, der auf einer KI basiert, antwortet einem Menschen auf die Frage, ob er sich umbringen solle, weil er sich schlecht fühle: „I think you should“ – „Ich denke, du solltest das tun“. Automatische Übersetzungsprogramme reproduzieren systematisch Sexismus. Ein Tesla fährt auf einem Flughafen im Autopilot in ein kleines Flugzeug. Es wurden hunderte KI-Tools entwickelt, um Ärzt*innen zu unterstützen, Covid 19-Erkrankungen bei ihren Patient*innen zu erkennen – keines davon hat funktioniert. Im Buch argumentieren die Autoren, dass ein Computer, der einen Menschen in einem Spiel besiegen kann, nicht bedeutet, dass die Menschheit an der Schwelle zu beispielsweise völlig autonomen Autos steht. Die bisherigen Errungenschaften auf diesem Gebiet wurden in geschlossenen Systemen mit festen Regeln erzielt. Die reale Welt hingegen ist komplex und vielfältig, wie die Beispiele aus Gary Marcus Vortrag zeigen.

KI muss nicht nur lernen, sondern auch verstehen

Wie können wir aber diese Kluft überbrücken? Die Autoren erklären, was wir brauchen, um die KI auf die nächste Stufe zu heben. Im Vortrag zeigt Gary Marcus einige Möglichkeiten auf: Wir brauchen eine KI, die Wissen über die reale Welt hat und den Überblick behält, auch wenn sich die Welt dynamisch verändert. KI muss Beziehungen zwischen einzelnen Entitäten verstehen. Wir brauchen ein Weltwissen, das es der KI ermöglicht, neue Tatsachen einzuordnen und entsprechend zu handeln, auch wenn detaillierte Informationen fehlen. Um zu einer besseren KI zu gelangen, die auch in neuartigen Umgebungen auf vertrauenswürdige Weise agieren kann, müssen wir darauf hinarbeiten, Systeme mit „deep understanding“ und nicht nur mit „deep learning“ zu entwickeln. Die KI muss also nicht nur lernen, sondern auch verstehen, plädiert Gary Marcus. Wenn wir uns darauf konzentrieren, Maschinen mit gesundem Menschenverstand und tiefem Verständnis auszustatten, anstatt uns nur auf statistische Analysen und das Sammeln immer größerer Datenmengen zu konzentrieren, werden wir in der Lage sein, eine KI zu schaffen, der wir vertrauen können, so der optimistische Ausblick.

KI betrifft die ganze Universität

Doch warum hat die Universität Bamberg das Buch „Rebooting AI - Building Artificial Intelligence We Can Trust” ausgewählt? Sie war bereits lange vor dem Hype um KI in diesem Bereich aktiv, erklärt Ute Schmid bei der Auftaktveranstaltung. „Als der KI-Hype losging, und Bayern richtig viel Geld in die Hand nahm, haben wir den bayerischen KI-Wettbewerb klar gewonnen.“ Sieben neue KI-Professuren werden in Bamberg eingerichtet. Einige davon sind bereits besetzt. Die Bamberger Informatik steht vor allem für eine Orientierung in den Anwendungen hin zu nicht-MINT Fächern, zu Geistes-, Human-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, erläutert Schmid. Die KI-Forschung sei interdisziplinär orientiert und auf Menschzentrierung ausgerichtet. KI betrifft also die ganze Universität. Und das Buch bietet nun einen allgemeinverständlichen Einstieg in das Feld – in einer kritischen, aber auch optimistischen Art und Weise.

Zahlreiche Veranstaltungen in den kommenden Monaten

Die Freude an der Universität, aber auch in der Stadt, über die Möglichkeiten, die sich durch die Förderung ergeben, zeigt sich bei der Auftaktveranstaltung in der angeregten Diskussion und den vielen Fragen an den Autor im Anschluss an seinen Vortrag sowie in den zahlreichen Grußworten von Akteur*innen der Welterbestadt. So lauschen neben Studierenden und Mitarbeitenden der Universität auch Anna Scherbaum als Leiterin der vhs Bamberg Stadt, Sascha Götz von Smart City Bamberg sowie Nora Gomringer, Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, dem Vortrag und gratulierten der Universität Bamberg zum Projekt.

Die Universität kommt über ein wichtiges Thema ins Gespräch und bereits jetzt sei eine Dynamik zu spüren, meint Prof. Dr. Stefan Hörmann, Vizepräsident für Lehre und Studierende. Denn zahlreiche weitere Veranstaltungen sind in Planung: Es wird einen Skulpturenpfad zum Thema KI geben, eine Ringvorlesung im kommenden Wintersemester, zahlreiche interdisziplinäre Lehrveranstaltungen, Mal-, Foto- und Schreibwettbewerbe für Schüler*innen und Studierende, einen Podcast vom Uniradio „Frieda FM“ und im Juli lockt ein Gstanzl-Slam im Hain, sagt Prof. Dr. Markus Behmer, Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt empirische Kommunikatorforschung. Er gibt auch gleich eine Kostprobe davon, was das Publikum beim Gstanzl-Slam erwarten wird.

Zur Person:

Gary Marcus ist ein amerikanischer Wissenschaftler, Autor und Unternehmer. Als Professor ist er im Fachbereich Psychologie der New York University tätig. Er ist Gründer von „Geometric Intelligence“, einem Unternehmen für maschinelles Lernen, das später von Uber übernommen wurde. Gemeinsam mit seinem Kollegen Ernest Davis, der als Professor für Informatik ebenfalls an der New York University tätig ist, hat er das Buch „Rebooting AI: Building Artificial Intelligence We Can Trust“ geschrieben, das 2019 in englischer Sprache erschienen ist.

Team:

Die interdisziplinäre Projektgruppe aus Wissenschaftler*innen, Studierenden und Universitätsbeschäftigten, die sich um die Einwerbung der Förderung sowie die Aktivitäten rund um „Eine Uni – ein Buch“ kümmern, besteht aus:

  • Dr. Fabian Franke, Direktor der Universitätsbibliothek
  • Prof. Dr. Ute Schmid, Professur für Angewandte Informatik, insbes. Kognitive Systeme
  • Prof. Dr. Markus Behmer, Professur für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt empirische Kommunikatorforschung
  • Steffen Illig, Bibliotheksrat
  • Evelyn Körner, Bibliotheksassessorin
  • Prof. Dr. Daniela Nicklas, Lehrstuhl für Informatik, insbes. Mobile Softwaresysteme/Mobilität
  • Samira Rosenbaum, Leitung Dezernat Kommunikation & Alumni
  • Prof. Dr. Astrid Schütz, Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik
  • Nils Thiergarten, Hilfskraft

Weitere Informationen zu „Eine Uni – ein Buch“ sowie zu den geplanten Veranstaltungen finden Sie unter: www.uni-bamberg.de/events/kiba

Aufzeichnung der Keynote von Gary Marcus:

(Sein Vortrag beginnt ab Minute 44)

Beitrag des Bamberger Uniradios "Frieda FM" zur Veranstaltung

von Julia Charlotte Schubert und Sophie Martorell Naßl

 

nach oben