Hegelwoche: Das Unergründliche ergründen

An drei Abenden führte die Universität Bamberg in E.T.A. Hoffmanns dunkles Phantasiereich.

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  • 29.06.2022
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  • Carolin Gißibl, Tanja Eisenach
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  • Lesedauer: 8 Minuten

Die Stadt Bamberg feiert E.T.A. Hoffmann – und die Universität feiert freilich mit! Anlässlich des 200. Todestages gedenkt die zeitweilige Heimat des romantischen Multitalents seinem berühmten Bürger mit zahlreichen Veranstaltungen aus verschiedenen Kunstsparten. Gleich vierfach bringt sich die Universität in das Themenjahr ein, allen voran mit der 32. Bamberger Hegelwoche, die vom 21. bis 23. Juni stattfand. Sie wird flankiert von drei Vorträgen im Rahmen des Hegelforums sowie von zwei Ausstellungen, die Universitätspräsident Prof. Dr. Kai Fischbach in seiner Begrüßung am ersten Abend der Hegelwoche vorstellte. Sie alle laden dazu ein, sich in den fantastischen Kosmos Hoffmanns zu begeben und blicken aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Werk des Schriftstellers, Musikers und Zeichners.

Die inhaltlichen Organisatoren der Hegelwoche, Philosoph Prof. Dr. Christian Illies und Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Friedhelm Marx, gingen „E.T.A. Hoffmanns Anstöße(n) zur Ergründung des Unergründlichen“ auf die Spur. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, der Philosophin Dr. Silvia Jonas und dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Richard Brittnacher widmeten sie sich der „Phantasie als Erkenntnisform“: Ist es sinnvoll möglich, sich denkend einem Bereich des Undenkbaren zu nähern? Schürft E.T.A. Hoffmann aus diesem dunklen Phantasiereich jenseits des gewöhnlichen Denkens Feuersteine der Einsicht, die für uns und unseren verarmten Zugriff auf die Wirklichkeit erhellend sein können?

1. Abend: Ein Kater, sieben Leben und die unendliche Kraft der Imagination

Auf fast 1000 Seiten geht Michael Köhlmeier in seinem Roman „Matou“ diesen Fragen nach – unter anderem durchstreift sein Werk doch satte 230 Jahre Menschheitsgeschichte von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart, verpackt in sieben Leben eines Katers und geschildert aus der Perspektive desselben. Christian Illies kontextualisierte den Anspruch des Romans mit einem Blick in die Evolution und gab dabei der menschlichen Fähigkeit zur Fantasie einen Sinn: „Die Kraft der Imagination ermöglicht es uns, etwas zu erkunden, ohne es machen zu müssen. Die Fähigkeit, zu uns selbst in Distanz zu gehen, lässt uns durch Raum und Zeit reisen und versetzt uns in die Lage, die Welt aus der Perspektive anderer Geschöpfe und Dinge zu betrachten.“ Fantasie als Mittel zur Gefahrenprävention, Motor zur Weiterentwicklung, Bedingung für unsere Empathiefähigkeit und damit auch als existenzieller Bestandteil des Menschseins. Die Epoche der Aufklärung huldigte den Naturwissenschaften. E.T.A. Hoffmann, so die These von Christian Illies, wagt sich mit seinen fantastischen Ideenreichen an die Grenzen rationalen Erkennens und verweist damit auf die Einseitigkeit und die Lücke, die diese Form des Denkens ins Menschsein fräst, wenn es ausschließlich verstanden wird: „Er stellt dem Menschen wie er ist einen Menschen zur Seite, wie er sein könnte.“

Das Gespräch zwischen Christian Illies, Friedhelm Marx und Michael Köhlmeier, angereichert durch von Köhlmeier gelesene Textpassagen, lässt die Dimensionen dieser Lücke erahnen. Die Welt durch die Augen eines Katers zu sehen, das bedeutet im Falle von Matou, sich dem Menschen anzunähern, ohne ein Mensch sein zu wollen. Aus einer amoralischen Distanz heraus, wie Köhlmeier es nennt, die gleich zu Beginn des Buches deutlich wird, als Kater Matou in seinem ersten Leben zur Zeit der französischen Revolution gemeinsam mit anderen Hunden und Katzen das Blut guillotinierter Menschen trinkt. Diese Blicke auf das Menschsein, auf ein Wesen, das ein moralisches Problem hat und trotzdem weitermacht (Köhlmeier), der im Spiel mit Dopplungen (Marx) und Gegensätzen (Illies) neue Perspektiven und Sinnzusammenhänge schafft, die ihn vor dem geistigen Tode bewahren, so, wie auch Kater Matou seinen zweiten Herrn E.T.A. Hoffmann vor dem Tode bewahrt hat, als er ihm zu Beginn seines zweiten Lebens in Berlin begegnete – all diese Versuche, das Wesen des Menschen in seiner Ganzheit greifbar zu machen, wären ohne Fantasie unmöglich. „Die Stärke des Buches ist es, dass der Kater der Kater bleibt“, resümiert Friedhelm Marx entsprechend am Ende des Abends.

2. Abend: Das Undenkbare denken

In die Mystik der Wissenschaft führte am zweiten Abend der Hegelwoche Dr. Silvia Jonas, Philosophin an der LMU München, die kürzlich einen Ruf der Universität Bamberg angenommen hat. Die Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatin der Europäischen Kommission hat in München, Jerusalem und Großbritannien (St. Andrews und Oxford) studiert und an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. In ihrem Vortrag ging sie der Frage nach: Welche Formen der Erkenntnis gibt es neben der rationalen Erkenntnis?

Wie könnte das besser beantwortet werden als mithilfe der: Mathematik! Was einige sofort abschrecken mag, bringt einen Erkenntnisgewinn mit sich, dem es sich lohnt, zu folgen: Denn es gibt Bereiche in der Mathematik, in denen Formulierbares zusammenbricht. Durch drei mathematische Beispiele kommt Silvia Jonas zu der Schlussfolgerung, dass das Verstehen eine „sprachunabhängige, intuitive, geradezu mystische Form der Erkenntnis ist“. Verstehen muss also nicht in der Sprache sichtbar sein. Die Grenzen der Sprache zeigen auch die metaphysischen Einsichten von E.T.A. Hoffmanns literarischen Werken. Mystik und naturwissenschaftliche Erkenntnisse in ein Zusammenspiel zu bringen, sollte also ein Versuch wert sein – nicht nur an diesem Abend, nicht nur in der Philosophie. Denn es scheint möglich zu sein: sich denkend einem Bereich des Undenkbaren zu nähern.

3. Abend: Ausflug in den Abgrund

In seinen Werken hat E.T.A. Hoffmann düstere Seiten zum Vorschein gebracht. Einen Ausflug in den Abgrund unternahm am dritten Abend der Hegelwoche Prof. Dr. Hans Richard Brittnacher mit seinem Vortrag: „Der dunkle Denker und dichtende Enthusiast“. Wie der Literaturwissenschaftler der Freien Universität Berlin selbst sagte, tauchte er „ins Herz der Finsternis“ ein: Geister, Wahnsinnige, dämonische Höllengestalten. Einzig dabei die Fackel von E.T.A. Hoffmanns hellem Genie, die hinter den dunklen Fassaden mehr als nur Abschreckung zum Vorschein brachte: die beängstigende Erkenntnis, den Abgründen des Menschen – und damit sich selber – begegnen zu müssen.

Hans Richard Brittnacher hat die Hörerschaft mitgeführt, bis „fast der Verstand verloren ging“, fasste Christian Illies augenzwinkernd zusammen. Nach einer Podiumsdiskussion räumten die inhaltlichen Organisatoren der Hegelwoche, Christian Illies und Friedhelm Marx, ein, dass das eine Zumutung für Hegel war: „Hegel hielt nicht viel von E.T.A. Hoffmann!“ Nur eine Gemeinsamkeit hätten die Zeitgenossen gehabt: in Bamberg wurden sie nicht glücklich. Ansonsten prägten Dissonanz und Abstände ihre Beziehung. Das Interesse an den Möglichkeiten des Menschseins bindet sie trotz allem zusammen: Hegel als Optimist, der im Vertrauen auf Vernunft und die Kraft begrifflichen Denkens seine Zuversicht nicht aufgeben will, Hoffmann als Pessimist, dessen Werke mit der Evokation phantastischer Bildwelten beweisen, wie wenig der Mensch über sich verfügen kann. Die „innere, haltlose Zerrissenheit“, die Hegel in seinen Ästhetik-Vorlesungen dem Dichter Hoffmann vorwarf, ermöglicht eben auch Einblicke in das Menschsein, von denen die Schul- und Universitätsweisheit der Philosophie nichts weiß: Das haben die drei Abende der Hegel-Woche zeigen wollen.

Ausstellung: „Die unheimlich-fantastische Vorstellungswelt von E.T.A. Hoffmann“

Die Hegelwoche ist vorbei, aber E.T.A. Hoffmann bleibt an der Universität Bamberg und zwar nicht nur im Geiste: Auszüge seiner aberwitzigen Gestalten und grotesken Einfälle können in der Teilbibliothek 4 betrachtet werden. Die polnische Künstlerin Aleksandra Kucharska-Cybuch, hat sie in ihren Illustrationen für Neuausgaben der Klassiker „Das fremde Kind“, „Nussknacker und Mausekönig“ sowie „Der goldne Topf“ von E.T.A. Hoffmann eingefangen und quasi bildlich auferstehen lassen: schaurig-schwarze Tintenwälder, farbig-kaleidoskopische Märchenwelten, Blicke, die die Distanz des Betrachtens aufheben. Der Verlag, der die Neuausgaben in polnischer Sprache editiert ist in Posen ansässig. Diesem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass die Illustrationen, gebündelt und zur Ausstellung „Die unheimlich-fantastische Vorstellungswelt von E.T.A. Hoffmann“ aufbereitet, den Weg nach Bamberg fanden.

Bei der Ausstellungseröffnung am 20. Juni erläuterte Oberbürgermeister Andreas Starke die zahlreichen Verbindungen, die Freundschaft der beiden Städte Bamberg und Posen. Das stärkste Band knüpfen sicherlich die Nachkommen der rund 100 Bamberger Familien, die sich vor über 300 Jahren in der Posener Umgebung ansiedelten, um dort Landwirtschaft zu betreiben. „Das war für beide Seiten ein Gewinn. In der Bamberger Gegend hatten viele Bauern und Handwerker keinen eigenen Grund und Boden. Den Posenern dagegen fehlte es an Bauern und Handwerkern.“ Als die Stadt Posen vom Bamberger Themenjahr anlässlich des 200. Todestags von E.T.A. Hoffmann hörte, war die Idee geboren, die Ausstellung in Bamberg zu zeigen. Und diese ist nun bis 17. Juli in der Teilbibliothek 4 am Heumarkt 2 zugänglich. Darüber hinaus zeigt das Kulturamt der Stadt im E.T.A.-Hoffmann-Haus die Sonderausstellung „Phantaskop: Hoffmann inspiriert!“

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