Bildung ohne Grenzen | aus uni.kat 2026/1

Wie ein Masterprogramm Bildung in Regionen Subsahara-Afrikas verändert

  • Campus
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  • 13.07.2026
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  • Katja Hirnickel
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  • Lesedauer: 12 Minuten

Eine ruandische Dozentin unterrichtet während des Lockdowns 320 Studierende über WhatsApp. Ein kamerunischer Schulleiter wird Friedenspädagoge in Osttimor. Und zwei Absolventen aus Ruanda sitzen heute im nationalen Parlament. Was diese Menschen verbindet? Sie alle sind Absolventinnen und Absolventen von IMPEQ, einem 2013 ins Leben gerufenen einzigartigen Masterprogramm. Seit diesem Herbst lebt IMPEQ in Kamerun, der Demokratischen Republik Kongo und in Ruanda als Masterprogramm weiter. Ein Rückblick auf bewegende Anfänge, mutige Ideen und eine Übergabe, die zeigt: Partnerschaft kann gemeinsam viel bewegen.

„Die Bildungsdefizite in Subsahara-Afrika entstehen durch ein komplexes Geflecht struktureller Probleme, das weit über mangelnde Finanzierung hinausgeht“, erklärt Prof. Dr. Annette Scheunpflug. Die Bamberger Erziehungswissenschaftlerin forscht seit Langem zu Bildungspolitik und Bildung in einer globalisierten Welt und leitet den Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik an der Universität Bamberg sowie den internationalen Weiterbildungsmaster Educational Quality in Developing Countries
(IMPEQ). IMPEQ richtet sich an Bildungsverantwortliche aus Subsahara-Afrika, die sich in Fragen der Entwicklung von Bildungssystemen weiterqualifizieren möchten. 

Kriegsbedingte Instabilität habe in Ländern wie dem Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo ganze Generationen um ihre Schulbildung gebracht – Lehrkräfte sind geflohen, Schulgebäude zerstört, Familien vertrieben. Doch selbst in friedlicheren Staaten kämpfen die Bildungssysteme mit den Nachwehen kolonialer Strukturen: Lehrpläne, die an europäischen Standards orientiert sind, Unterrichtssprachen, die Kinder zu Hause nicht sprechen. Und zudem erschweren die Unterfinanzierung von Bildungssystemen und die nicht hinreichende Ausbildung der Lehrkräfte die Situation.

Bildungssysteme am Limit

Die Folgen dieser strukturellen Mängel sind im Schulalltag direkt spürbar: Klassen sind überfüllt, staatliche Schulen oft schlecht ausgestattet und Lehrkräfte fehlen. Gleichzeitig zwingt bittere Armut Millionen Familien, ihre Kinder zur Feldarbeit oder zum Wasserholen zu schicken statt in die Schule. Mädchen sind besonders betroffen: In vielen Gesellschaften gelten sie oft als Investition in fremde Familien, weshalb ihre Bildung als weniger wichtig erachtet wird.

„Das Ergebnis ist ein Teufelskreis aus mangelnder Bildung, fortbestehender Armut und gesellschaftlicher Instabilität, den zu durchbrechen mehr erfordert als nur neue Schulgebäude und Lehrbücher“, fasst Annette Scheunpflug zusammen. „In diese Lücke springen häufig nicht-staatliche Akteure. Kirchen und religiöse Organisationen – ob evangelisch, katholisch oder islamisch – haben in vielen Ländern schon früh Bildungsarbeit übernommen, oft lange bevor staatliche Systeme aufgebaut wurden.“ Diese Schulen sind bis heute entscheidend für die Bildungschancen breiter Bevölkerungsschichten und oftmals auf nicht-staatliche Finanzierung angewiesen.

Gleichzeitig zeigt sich ein weiteres Problem, so die Professorin: Während es an Grundschulen meist noch ausreichend Lehrpersonal gibt, fehlt es massiv an qualifizierten Fach- und Führungskräften, die Schulsysteme entwickeln, Unterrichtsqualität sichern oder Bildungsreformen steuern können. „Masterprogramme für pädagogische Führungskräfte, wie sie in Europa oder Nordamerika selbstverständlich sind, gab es in Subsahara-Afrika nicht.“ 

Aus Scheitern lernen: Die Geburt einer Idee

Angesichts dieser Herausforderungen suchten Kirchen und Hilfswerke nach Lösungen. Brot für die Welt, das weltweit tätige Entwicklungswerk der evangelischen Kirchen in Deutschland, holte mehrfach engagierte Fachkräfte aus afrikanischen Ländern nach Deutschland, um sie hier für Aufgaben im Bildungssektor weiterzubilden. Doch die Organisation machte die ernüchternde Erfahrung, dass Programme in Deutschland nicht den inhaltlichen Anforderungen entsprechen, die für Bildungsverantwortliche in Ländern mit Entwicklungsbedarf bedeutsam sind. In dieser Situation wandte Brot für die Welt sich bereits im Jahr 2009 an Annette Scheunpflug. Ihre Antwort war klar: Mit der Bologna-Reform sind maßgeschneiderte Weiterbildungsprogramme möglich.

Die Idee für IMPEQ war geboren: International, berufsbegleitend, praxisnah und thematisch auf die Region angepasst. Brot für die Welt stellte Stipendien für die Studierenden. Die Organisation kooperierte mit elf Ländern Afrikas aus Regionen südlich der Sahara mit besonders prekären wirtschaftlichen Bedingungen. Das Programm war ein voller Erfolg, Scheunpflug verschickte lediglich elf Mails in die Partnerländer – und erhielt daraufhin rund 200 Bewerbungen für 20 Plätze. 

„Wir haben bei der Auswahl der Personen bewusst nicht nur auf die besten Noten geschaut“, erinnert sich die Erziehungswissenschaftlerin. „Entscheidend war die Vision: Wer hat einen konkreten Plan, wie er oder sie das Gelernte einsetzen wird, um das System vor Ort zu verbessern?“ So wollte das Team sicherstellen, dass die Ausbildung nicht nur individuelle Karrieren stärkt, sondern eine sichtbare Wirkung im Bildungssystem entfaltet.

Von Visa bis Wintermantel: Ankommen in Bamberg

IMPEQ folgt dem Prinzip des Blended Learning: Phasen intensiver Präsenzveranstaltungen in Bamberg und in Ruanda wechseln sich mit längeren Selbstlernabschnitten ab, in denen die Teilnehmenden in ihren Heimatländern weiterarbeiten. So bleibt die enge Verbindung zwischen Studium und beruflicher Praxis erhalten – ein entscheidender Unterschied zu den gescheiterten Ansätzen, bei denen Studierende ausschließlich nach Europa geholt wurden. Die Präsenzzeiten, insgesamt rund 100 Tage, fanden in Bamberg und an der Partnerhochschule in Ruanda statt. 

Neben fachlichen und organisatorischen Herausforderungen musste das IMPEQ-Team immer wieder ganz praktisch unterstützen. „Manchmal waren wir eher ein Reisebüro und eine Visa-Vermittlungsstelle als ein Lehrstuhl“, schmunzelt Scheunpflug. Manche Teilnehmende reisten ohne jede Erfahrung mit dem europäischen Klima an. Mit Hilfe des Roten Kreuzes konnten die Neuankömmlinge mit Winterkleidung und dem Nötigsten ausgestattet werden.

Die unsichtbare Infrastruktur des Erfolgs

„Auch die technische Unterstützung durch das Rechenzentrum der Universität war essentiell für unseren Erfolg“, erklärt Scheunpflug. Für einen reibungslosen Studienbetrieb wurden den Teilnehmenden Notebooks zur Verfügung gestellt. Viele Studierende kamen aus Regionen, in denen der Internetzugang instabil oder zeitweise blockiert war. Dafür entwickelten Mitarbeitende des Rechenzentrums kleine Programme, mit denen die Rechner umfangreiche Dateien abschnittsweise herunterluden – und zwar genau zu den Zeiten, in denen die Internetverbindungen am stabilsten waren, etwa nachts oder in den frühen Morgenstunden. 

Immer wieder kam es auch vor, 
dass die Bamberger Server den Zugriff aus Afrika blockierten. In solchen 
Fällen mussten Lehrmaterialien kurzfristig auf alternative, weniger stark gesicherte Webseiten verlagert werden, 
damit sie erreichbar blieben. „Diese oft unsichtbare, aber entscheidende Arbeit des Rechenzentrums trug dazu bei, dass IMPEQ praktisch durchführbar war“, sagt Scheunpflug. 

Das Herzstück: Tandems, Mentoring und Flexibilität

Von Anfang an stand die Zusammenarbeit im Tandem im Mittelpunkt: Eine Dozentin oder ein Dozent aus Bamberg arbeitete jeweils mit einer afrikanischen Partnerperson zusammen. „Dieses Tandem-Prinzip war der Schlüssel, um über die Zeit eine Lehre auf Augenhöhe 
sicherzustellen und eurozentrische 
Perspektiven zu vermeiden“, betont Scheunpflug. „Wir wollten kein Wissen von Nord nach Süd transferieren. Unsere afrikanischen Pendants brachten die Expertise für ihre Bildungssysteme, wir die methodische und vergleichende Perspektive ein.“

Auch die Unterstützung im Studienalltag war sorgfältig organisiert: Mentorinnen und Mentoren aus Bamberg und den Partneruniversitäten in Ruanda, der Demokratischen Republik Kongo und aus Kamerun standen den Studierenden für Statistik und wissenschaftliches Arbeiten zur Seite, auch in den Praxisphasen in Ruanda. Ein hohes Maß an Sprachflexibilität rundete das Konzept ab: Während die Materialien auf Englisch und Französisch bereitgestellt wurden, konnten Prüfungen in Englisch, Französisch oder Deutsch abgelegt werden, um Sprachbarrieren als Hindernis für den Erfolg auszuschließen.

Mehr als Fachwissen: Dialog als Friedensarbeit

Das Curriculum von IMPEQ war nicht nur auf fachliche Inhalte wie Bildungsforschung, Qualitätsentwicklung oder Projektmanagement ausgelegt. Ein wesentlicher Bestandteil war auch das gegenseitige Kennenlernen der jeweils unterschiedlichen Unterrichtserfahrungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten – und nicht selten sogar aus Staaten, die miteinander in Konflikt oder gar im Krieg standen. 

„Wir hatten Teilnehmende aus Ländern, die auf diplomatischer Ebene nicht zusammenarbeiten. Im Seminar fragten wir uns: Wer traut sich, neben wem zu sitzen?“, erklärt Scheunpflug. „Am Ende saßen sie am selben Arbeitsgruppentisch – nicht, weil die Konflikte ihrer Länder verschwanden, sondern weil klar wurde, wie viel man gemeinsam hat und dass allen gleichermaßen Bildung wichtig war.“ So lehrten beispielsweise auch muslimische Personen im Programm – „eine wichtige Erfahrung für Teilnehmende, die mit dem Islam in ihrer Heimat extremistische Gruppen wie Boko Haram verbinden.“ Solche Begegnungen halfen den Studierenden aus christlichen Schulen, Vorurteile abzubauen und neue Perspektiven kennenzulernen. 

Aus Bildung wird Zukunft: Erfolgsgeschichten aus Afrika

In den vergangenen zwölf Jahren haben insgesamt 120 Studierende am Masterprogramm IMPEQ teilgenommen, nur zwei Personen beendeten das Studium nicht. Diese Zahlen sprechen für die enorme Motivation der Teilnehmenden, die das Programm nicht als einfache Weiterbildung, sondern als eine einmalige Chance für ihre berufliche und persönliche Zukunft begriffen. Häufig unterstützte sogar die ganze Familie zuhause, um den Studierenden die nötige Zeit und Kraft für die Selbstlernphasen zu ermöglichen.

Die Absolventinnen und Absolventen sind heute in verantwortungsvollen Positionen tätig – als Schulinspektoren, Schuldirektorinnen, Lehrerfortbilder, Hochschullehrende, in der Forschung und in der (Bildungs-)Politik. So sitzt Benoit Senani aus Ruanda heute als Abgeordneter im ruandischen Parlament. Dancilla Nyirarugero, ehemalige Lehrerin und IMPEQ-Absolventin des Jahrgangs 2019, wurde 2021 zur Gouverneurin der ruandischen Nordprovinz ernannt, eine der höchsten politischen Führungspositionen des Landes. 

Gerade der Erfolg von Absolventinnen wie ihr zeigt, wie sich ein Kernanliegen des Programms ausgezahlt hat. Denn ein zentrales Auswahlkriterium für das Masterprogramm war von Beginn an die Förderung von Frauen – mit Erfolg. Dr. Semerita Kavira Kamundu aus der Demokratischen Republik Kongo wurde zur ersten Professorin für Erziehungswissenschaften und zur Dekanin ihrer Fakultät ernannt; Laure Diffomene aus Kamerun leitet heute die Bildungsprogramme für eine große internationale Hilfsorganisation in ganz Kamerun. Damit erfüllt das Programm seine Zielsetzung: Multiplikatorinnen und Multiplikatoren auszubilden, die die Qualität von Bildungssystemen in Subsahara-Afrika nachhaltig verbessern. Die IMPEQ-Absolventinnen und 
-Absolventen erreichen heute über 92.000 Lehrkräfte und mehr als 4,8 Millionen Schülerinnen und Schüler in ihren Heimatländern. 15 Alumni wurden bereits erfolgreich in unterschiedlichen Ländern promoviert, weitere zehn arbeiten an ihren Dissertationen.

„Als ich mit IMPEQ begann, gehörte meine Schule mit 3.600 Schülerinnen und Schülern in den landesweiten Leistungstests zu den 20 Prozent schwächsten des Landes“, erklärt Dinah Uwizeyimana, eine Schulleiterin einer großen Mittelschule aus Ruanda. „Ich habe alles umgesetzt, was ich gelernt habe – neue Führungskonzepte, systematische Unterrichtsentwicklung, eine andere Art, mit meinem Kollegium zu arbeiten. Heute gehören wir zu den 20 Prozent besten Schulen Ruandas. IMPEQ hat mir nicht nur Wissen gegeben, sondern das Selbstvertrauen, wirklich etwas zu verändern.“ 

Übergabe nach Afrika: Der Kreis schließt sich

Von Beginn an war vorgesehen, dass IMPEQ nicht dauerhaft von Deutschland aus gesteuert werden sollte. Die Übergabe in die Verantwortung der drei Partneruniversitäten war ein erklärtes Ziel – die Frage war lediglich, wann die strukturellen Voraussetzungen dafür geschaffen sein würden. Dazu gehörte, dass die Partnerländer eigene Masterprogramme aufbauen, ausreichend promoviertes Lehrpersonal einstellen und akademische Strukturen entwickeln.

Diese Vision wurde nun Realität. Am 2. Oktober 2025 wurde das Programm in einer feierlichen Zeremonie an drei Universitäten übergeben: die Protestant University of Rwanda (PUR) in Butare, die Université Évangélique du Cameroun (UEC) in Bandjoun, Kamerun, und die Université Libre des Pays des Grands Lacs (ULPGL) in Goma, Demokratische Republik Kongo. Die Universität Bamberg wird weiterhin beratend zur Seite stehen.

Die offizielle Übergabe des Masterprogramms nach Afrika eröffnet eine ganz neue Dimension: Mit Förderung in selber Höhe durch Brot für die Welt können in den drei beteiligten Ländern jeweils 30 Studierende pro Zyklus aufgenommen werden – „die Preise in Bamberg sind nun einmal teuer“, so Scheunpflug. Damit lässt sich das Programm deutlich skalieren, sodass weit mehr Fachkräfte als bisher ausgebildet werden können. „Es ist ein Kreislauf, der sich schließt“, blickt Annette Scheunpflug zufrieden auf das Programm. „Unsere Absolventinnen und Absolventen sind bereit, jetzt die nächste Generation auszubilden.“ 

„Das Masterprogramm schließt eine entscheidende Lücke im Bildungsbereich: Es fördert die Forschung und das Management von Bildungsqualität und vermittelt Studierenden die Kompetenzen, Bildungsqualität auf allen Ebenen gezielt zu entwickeln und dauerhaft zu fördern.“

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Seite 176918, aktualisiert 13.07.2026