Die jüngste Fakultät der Universität Bamberg wird in diesem Jahr 25 Jahre alt – ein Vierteljahrhundert mit einer rasanten Entwicklung: von anfangs zwei besetzten Lehrstühlen auf mittlerweile über 30. Das soll anlässlich des Jubiläums mit einem öffentlichen Event am 26. Juni am Erba-Campus gebührend gefeiert werden. Mehr noch: Die Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik (WIAI) will allen zeigen, wer sie ist und was sie macht. Deshalb laufen die Vorbereitungen an der Fakultät bereits auf Hochtouren. Uni.kat nimmt sich die Zeit, in der Erinnerungsbox zu kramen und aus verschiedenen Perspektiven nachzuvollziehen, wie die WIAI zu dem wurde, was sie heute ist.

Stunde 0 am 01.10.01
Gegründet wurde die Fakultät WIAI ausgehend von der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Dort unterstützten die WI-Professoren Augsburger, Sinz, Ferstl und Henrich den seit 1987 sukzessive aufgebauten Diplomstudiengang Wirtschaftsinformatik. Bamberg galt bereits damals – wegen seiner anerkannten Forschung und seiner methodenorientierten, anwendungsbezogenen Lehre – deutschlandweit als Heimat der Wirtschaftsinformatik.
Nach erfolgreicher Beantragung einer eigenständigen Fakultät beim Bayerischen Staatsministerium war zum 1. Oktober 2001 die „Stunde 0“ der WIAI besiegelt. Zum Semesterstart gab es gerade einmal zwei besetzte Lehrstühle: Wirtschaftsinformatik, insbesondere Systementwicklung und Datenbankanwendung, von Prof. Dr. Elmar J. Sinz und Wirtschaftsinformatik, insbesondere Industrielle Anwendungssysteme, von Prof. Dr. Otto K. Ferstl. Hinzu kamen mit Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftspädagogik mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik und dem Virtuellen Weiterbildungsstudiengang Wirtschaftsinformatik drei Studiengänge und 125 eingeschriebene Studierende.
Die ersten Studis der neuen Fakultät
Einer der ersten Studierenden seit Fakultätsgründung war Jörg Gottschlich. Er erinnert sich gerne an den Spirit seines Wirtschaftsinformatikstudiums, das er 2002 begann: „Die wichtigsten Erinnerungen ans Studium sind natürlich die Freunde, die bis heute geblieben sind. Bei mir sind das Tobi aus Tirschenreuth und Nils aus Lübeck. Beide habe ich beim Orientierungstag kennen gelernt. Ich sehe uns noch heute auf der großen Treppe im Gebäude Feldkirchenstraße 21 stehen und lachen, weil der eine den Dialekt des anderen nicht verstanden hat.“ Aus fachlicher Perspektive erkennt der Alumnus vor allem im Rückblick, wie gut der Studiengang Wirtschaftsinformatik zu ihm gepasst hat. „Als selbstständiger Unternehmer sehe ich heute, dass ich von dem Grundstudium mit den betriebswirtschaftlichen Inhalten – etwa vom Modellieren bei Elmar Sinz – stark profitiere, auch wenn mir das damals total fremd war. Im Studium war ich froh, als es nach dem Vordiplom technischer wurde und wir bei Guido Wirtz selbst programmieren gelernt haben. Das lag mir mehr. Und ich muss auch sagen, dass es mir persönlich schon wichtig war, dass wir eine eigene Fakultät waren. Damit habe ich mich sehr identifiziert.“

Strategie: interdisziplinär!
Strategisch wollte sich die neue Fakultät von Beginn an querschnittlich aufstellen und in Forschung und Lehre mit anderen Fachbereichen zusammenarbeiten, zum Beispiel mit den Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie, der Psychologie, der Kommunikationswissenschaft oder der Denkmalpflege. „Auch einen Fokus auf die nicht-technische Seite der Informatik zu legen, passte nicht nur gut zur geistes- und kulturwissenschaftlichen Ausrichtung der Universität Bamberg, sondern sollte auch ein Alleinstellungsmerkmal für unseren Informatik- und Wirtschaftsinformatikstandort sein,“ erläutert Wirtschaftsinformatiker Elmar Sinz, der damalige Gründungsdekan. Damit war die Fakultät Pionierin beim Aufbau von Forschung und Lehre im Bereich Digital Humanities. Der daraus resultierende, 2010 gestartete Master-Studiengang Computing in the Humanities ist nach wie vor einzigartig im deutschsprachigen Raum und zieht Studierende aus allen Regionen Deutschlands an.
Unter der Leitung von Elmar Sinz mussten in den frühen Fakultätsjahren sechs weitere Lehrstühle besetzt werden. Er erinnert sich, wie richtungsweisend die ersten Besetzungen waren: „Die Erstellung eines Berufungsvorschlags ist die wohl verantwortungsvollste Selbstverwaltungsaufgabe einer Fakultät. So wie eine geglückte Berufung eine Fakultät enorm bereichern kann, gilt das leider auch umgekehrt.“
Mit Mut, Schaffensgeist und Kooperation
Eine der Neubesetzungen war Prof. Dr. Guido Wirtz auf den Lehrstuhl für Praktische Informatik. Neben diesem entstanden im Frühjahr und Sommer 2002 zwei weitere Lehrstühle der Informatik und Angewandten Informatik, die die bisherigen zwei der Wirtschaftsinformatik ergänzten. „An eine Fakultät zu wechseln, in der gerade einmal vier Lehrstühle beziehungsweise Professuren besetzt sind, ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko, aber auch eine große Chance,“ blickt Guido Wirtz zurück und erklärt, was ihn dennoch von seiner vorherigen Universität in Münster nach Bamberg gelockt hat: „Eine enge Zusammenarbeit der verschiedenen Fächer ist nicht nur überlebenswichtig, sondern hier auch gewollt. Und es wird Wert auf Kreativität und Engagement beim gemeinsamen Aufbau gelegt!“ Dem positiven Schaffensgeist folgten im kommenden Jahrzehnt weitere Entwicklungsschübe.

Neue Studienangebote zum richtigen Zeitpunkt
Ein wichtiger Meilenstein war nach der Bologna-Reform die frühe Etablierung von Bachelor- und Masterstudiengängen im Jahr 2004, die auch die Bedeutung der Informatik insgesamt stärkte. Wesentliche Erfolgsmotoren waren laut Guido Wirtz zudem die engere Zusammenarbeit mit den oberfränkischen Hochschulen sowie die Etablierung eigenständiger Informatikstudiengänge 2012, insbesondere durch die Internationalisierung im Masterbereich.
An diesen Entwicklungen war Guido Wirtz, der zweimal Fakultätsdekan war und fast ein Jahrzehnt in der Universitätsleitung als Vizepräsident für Technologie und Innovation wirkte, aktiv beteiligt.
Der Ausbau durch KI und Hightech Agenda Bayern ab 2020 brachte weitere 19 Lehrstühle und Professuren. „Das war“, resümiert Wirtz, „ein glücklicher, aber auch logischer Schritt hin zu einer Fakultät, die international weiter an Profil gewinnt.“
Die Bamberger Anfänge mit KI oder die Anfänge von KI in Bamberg?
In diesem rückblickend logischen Schritt steckte viel Detailarbeit, eine Vision für Künstliche-Intelligenz-Forschung in Bamberg und ein selbstbewusstes Starkmachen für einen offiziell anerkannten KI-Standort. Verkörpert hat das über Jahr(zehnt)e hinweg Prof. Dr. Ute Schmid. Sie entwickelt in ihrer Forschung seit Anfang der 90er-Jahre KI-Methoden und hat sich auf das Gebiet Kognitive Systeme spezialisiert. Seit 2004 forscht und lehrt sie an der Universität Bamberg. Erst über zehn Jahre später beginnt Künstliche Intelligenz langsam in der Öffentlichkeit wahrgenommen und die KI-Forschung gehyped zu werden. Als das Bayerische Wissenschaftsministerium 2018 im Rahmen seines Programms Hightech Agenda Bayern einen Wettbewerb für 50 neue Professuren im Bereich Künstliche Intelligenz ausschrieb, witterte die Universität Bamberg ihre Chance. Ein Professorenteam entwickelte ein Konzept für künftige Bamberger KI-Lehrstühle – mittendrin Ute Schmid als erfahrene Expertin, die über die Bewerbung hinaus besonders engagierten Einsatz zeigte: „Die Zeit ab 2018 fand ich sehr anstrengend“, erinnert sie sich. „Mir war es wichtig, Bamberg als KI-Standort sichtbar zu machen. Ich habe jede Gelegenheit genutzt, um in Vorträgen oder Interviews deutlich zu machen, dass wir hier seit Jahren KI-Forschung betreiben und dass es bei uns schon seit 2004 Lehrangebote im Bereich KI und Maschinelles Lernen gibt.“

Von 16 auf 33: Neue Professuren aus der Hightech Agenda Bayern und dem KI-Wettbewerb
Eine Nachricht wie keine andere: Im Mai 2020 – mitten im ersten schockreichen Corona-Pandemie-Jahr – stimmte das Ergebnis des bayernweiten KI-Wettbewerbs doppelt positiv. Ute Schmid erfuhr als eine der ersten davon: „Ich erinnere mich noch sehr genau. Es war ein Freitagnachmittag, und ich hatte mündliche Prüfungen. Ich hatte vergessen, mein Telefon umzuleiten, und dann klingelte es mitten in einem Prüfungsgespräch. Ich bin zum Telefon und sah eine Münchner Nummer. Dann habe ich mich bei dem Studenten entschuldigt und das Gespräch angenommen. Am Apparat war ein Vertreter des Wissenschaftsministeriums, der mir sagte, dass die Sitzung, in der über die Professuren entschieden wurde, gerade vorbei ist und dass er mir persönlich gratulieren will, da die Uni Bamberg mit sieben Professuren mit Abstand die meisten gewinnen konnte. Das war ein wirklich sehr gutes Gefühl!“
Von insgesamt 50 zu vergebenden Stellen geht ein Siebtel an die Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik. Das war ein klares Bekenntnis zu Bambergs Zukunft als hochrenommiertem Standort für Künstliche Intelligenz.
In den folgenden Jahren entstanden neue Lehrstühle in Wirtschaftsinformatik und Angewandter Informatik, unter anderem in KI und Sprache, Computer Vision und Machine Learning, KI-Engineering und Robotik.
Neben den KI-Professuren brachte die Hightech Agenda Bayern weitere Fördergelder, Studienplätze und Professuren. Zwölf davon waren allein an der WIAI vorgesehen, die mittlerweile bis auf zwei alle besetzt sind. Damit ist die Fakultät binnen von fünf Jahren von 16 Professuren auf 33 gewachsen.

Gelebte Vernetzung – von den Grundlagen bis zur Anwendung
Mit dem neuen Portfolio wurde Interdisziplinarität weiter gestärkt. Denn viele der neuen Lehrstühle haben einen starken Anwendungsbezug und lassen mannigfaltige Schnittmengen zu. Gelebte Zusammenarbeit zwischen Informatik und den Geisteswissenschaften und sogar mit der Stadt gibt es zum Beispiel im Smart City Projekt von Prof. Dr. Daniela Nicklas. Einen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Ansatz zur interdisziplinären Vernetzung sah Prof. Dr. Christoph Benzmüller. Als er von der FU Berlin kommend 2021 seinem Ruf auf den Lehrstuhl für KI-Systementwicklung an der Universität Bamberg folgte, spielte das eine große Rolle für seine Entscheidung: „Insbesondere das Konzept und die Struktur des Zentrums für Innovative Anwendungen der Informatik sind mir damals positiv aufgefallen. Zugleich wurde mir bewusst, dass meine Interessen und Kompetenzen im Bereich der Computationalen Philosophie – insbesondere des formalen, logikbasierten Modellierens und Argumentierens mit dem Computer – eine zusätzliche interdisziplinäre Bereicherung für den Standort darstellen könnten, etwa durch den Aufbau einer neuen Schnittstelle zur Philosophie. Gerade diese Kombination aus institutioneller Offenheit und einer bislang bestehenden Lücke in der interdisziplinären Zusammenarbeit an der Universität Bamberg hat mich besonders angesprochen.

Zwei Disziplinen für eine kontrollierte KI
Seither kooperiert Christoph Benzmüllers Lehrstuhl mit Prof. Dr. Christian Illies und Prof. Dr. Silvia Jonas aus der Philosophie. Gemeinsam werden Lehrangebote wie „Computergestützte Philosophie“ oder „Aktuelle Themen in KI und Philosophie“ entwickelt. In der Forschung geht es unter anderem um die Frage, ob und wie sich Regelwerke und Wertesysteme in Computersystemen abbilden lassen, um beispielsweise KI-Agenten oder KI-Systeme zu kontrollieren oder zu steuern. Gerade diese interdisziplinären Ansätze schätzt Christoph Benzmüller als hochaktuell und spannend auch für die Herausforderungen der Zukunft ein: „Die grundlegenden Fragen eines verantwortungsvollen, menschenzentrierten und sicheren Einsatzes von KI lassen sich nur auf der Basis einer holistischen Perspektive fundiert beantworten. Wir sind in Bamberg strukturell sehr gut aufgestellt, um uns solchen Forschungsfragen im Bereich der KI und – darüber hinaus – der Informatik erfolgreich zu widmen. “

Feiern, entdecken, mitmachen – am 26. Juni 2026
Die Zukunftsthemen stehen fest, und die vergangenen 25 Jahre haben eine starke Gegenwart hervorgebracht. Das lässt die Fakultät WIAI guten Gewissens im Juni feiern. Alle sind herzlich zum Mitfeiern und Entdecken eingeladen: Was kommt dabei heraus, wenn Erstis zum ersten Mal coden? Womit verdienen die Wirtschaftsinformatik-Studis der Anfänge heute ihr Geld? Wie interagiert die KI aus Bamberg bald mit uns? Und was hat eigentlich ein Hund mit Informatik zu tun? Diese und viele andere Antworten gibt’s am 26. Juni 2026 ab 16 Uhr am Erba-Campus.
