Wenn die eigene Wahrheit alternativlos wird

36. Bamberger Hegelwoche brachte unterschiedliche Perspektiven auf Fanatismus ins Gespräch

  • Campus
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  • 23.06.2026
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  • Hannah Fischer
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  • Lesedauer: 6 Minuten

Die 36. Bamberger Hegelwoche stellte eine Frage, die aktueller kaum sein könnte: „Die Fanatiker – Überall? Wir alle?“ Von 9. bis 11. Juni 2026 beleuchteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam mit den Gästen in der bis fast auf den letzten Platz besetzten AULA, was Menschen zu fanatischen Überzeugungen treibt, welche Rolle Religion, Gesellschaft und Psyche dabei spielen und wie demokratische Gesellschaften mit solchen Tendenzen umgehen können. Gefördert wurde die Hegelwoche von der Sparkasse Bamberg und dem Universitätsbund.

Universitätspräsident Prof. Dr. Kai Fischbach hob in seiner Begrüßung hervor, dass die Hegelwoche für den Anspruch stehe, Wissenschaft für die Gesellschaft zugänglich zu machen und den Dialog mit den Menschen in Bamberg und der Region zu suchen. Gerade beim Thema Fanatismus sei es wichtig, komplexe Sachverhalte differenziert zu betrachten, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen und die eigenen Annahmen immer wieder an neuen Erkenntnissen zu messen. Dies sei letztlich das Gegenteil fanatischen Denkens. 

Auch Prof. Dr. Christian Illies, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie II und Organisator der Hegelwoche, stellte die Offenheit des Denkens in den Mittelpunkt seiner Einführung. Die Hegelwoche wolle keine einfachen Antworten liefern, sondern gesellschaftlich drängende Fragen gründlich durchdenken. Dazu gehöre die Bereitschaft, sich auf unterschiedliche Perspektiven einzulassen, sich an ihnen zu reiben und die eigenen Überzeugungen kritisch zu prüfen. 

Die Hoffnung auf Erlösung als Triebkraft des Fanatismus

Die Historikerin und Terrorismusforscherin Prof. Dr. Beatrice de Graaf von der Utrecht University eröffnete die Vortragsreihe mit einem Blick auf die Rolle von Religion und Erlösungsvorstellungen im Extremismus. Sie ging der Frage nach, was Terroristen hoffen. Was Außenstehenden zerstörerisch und verstörend erscheint, werde von den Tätern oft als etwas Positives wahrgenommen. Der Weg in den Extremismus beginne häufig mit Erfahrungen von Sinnlosigkeit und Entfremdung. Religiöse oder ideologische Narrative könnten die eigene ungeliebte Lebensgeschichte mit etwas Höherem verbinden. Gewalt werde dabei oft als Teil einer größeren Mission verstanden, die Sinn stifte und die Aussicht auf eine bessere Zukunft eröffne – oder, wie de Graaf es nennt, auf „radikale Erlösung“.

Religion sei dabei weder eine hinreichende Ursache noch ein verlässlicher Prädiktor für Radikalisierung, sondern eine Art Moderator. Zu diesem Ergebnis kam de Graaf durch Interviews mit 35 inhaftierten Jihadisten und Rechtsextremisten in den Niederlanden und Indonesien. Viele von ihnen hätten von Erfahrungen der Sinnlosigkeit, von Mangelgefühlen und dem Wunsch berichtet, Teil von etwas Größerem zu sein. Solche Erlösungsnarrative fänden sich nicht nur im religiösen Extremismus, sondern ebenso in rechtsextremen, anarchistischen oder anderen ideologisch geprägten Bewegungen. Verstärkt würden solche Dynamiken heute durch soziale Medien, die Anerkennung, Bestätigung und Gemeinschaft in bislang unbekanntem Ausmaß ermöglichen. 

Gleichzeitig betonte de Graaf, dass Erlösungsversprechen für fanatische Personen nicht unbegrenzt tragfähig seien. Sie müssten sich immer wieder in der Realität bewähren und durch das Umfeld bestätigt werden. Blieben die erhoffte Validierung und Erlösung aus, verliere das Narrativ seine Überzeugungskraft. Darauf deute auch die vergleichsweise geringe Rückfallquote ehemaliger Terroristen nach ihrer Haftentlassung hin. Für de Graaf zeigt dies, dass selbst mächtige Erlösungsnarrative zerbrechen können. Wirkliche Erlösung, so ihr Fazit, lasse sich nicht durch Gewalt erreichen, sondern nur durch Frieden.

Fanatismus zwischen Enthusiasmus und Intoleranz

Der Soziologe Prof. Dr. Heinz Bude von der Universität Kassel näherte sich dem Fanatismus aus gesellschaftlicher und philosophischer Perspektive. Ausgangspunkt seines Vortrags war die Frage, was Fanatikerinnen und Fanatiker antreibt. Fanatikerinnen und Fanatiker wollten die Welt nicht bloß erklären, sondern retten. Aus Problemen des Zusammenlebens machten sie Grundsatzfragen, die über das Schicksal ganzer Gesellschaften entscheiden sollten. In ihrem Denken gehe es nicht um Kompromisse, sondern um existentielle Wahrheiten. Als Beispiel verwies Bude auf die Offenbarung des Johannes. Die drastischen Bilder vom Kampf zwischen Gut und Böse zeigten, wie Fanatiker die Welt wahrnehmen: als Entscheidungsschlacht, in der Neutralität oder Zögern nicht mehr möglich seien. Wer sich nicht klar positioniere, gelte als feige oder gleichgültig. Fanatikerinnen und Fanatiker sprächen den Einzelnen unmittelbar an und machten politische oder gesellschaftliche Konflikte zu Fragen von persönlicher Bedeutung. 

Gleichzeitig machte Bude deutlich, dass Fanatismus nicht einfach mit Irrationalität gleichzusetzen sei. Fanatikerinnen und Fanatiker folgten vielmehr einer kompromisslosen Logik, die alles einem einzigen Prinzip unterordnet. Ob Religion, Nation, Geld, technische Utopien oder andere große Ideen – problematisch werde es dort, wo eine einzige Vorstellung zur alleinigen Erklärung der Welt erhoben werde. Andere Sichtweisen erschienen dann nicht mehr als legitime Perspektiven, sondern nur noch als Hindernisse. Das eigentlich Fanatische sei deshalb das Monistische, also die Fixierung auf eine einzige Wahrheit.

In seinen Ausführungen griff Bude auch auf Hegel zurück. Dieser habe zwischen produktivem Enthusiasmus und zerstörerischem Fanatismus unterschieden. Ohne Begeisterung und die Bereitschaft, für Überzeugungen einzustehen, wären viele gesellschaftliche Veränderungen nie möglich gewesen. Fanatismus beginne jedoch dort, wo Begeisterung in Intoleranz umschlage und die Offenheit für andere Positionen verloren gehe. Demokratische Gesellschaften seien deshalb darauf angewiesen, Widersprüche auszuhalten und unterschiedliche Perspektiven anzuerkennen.

Wie fanatisch Gläubige sind

Zum Abschluss der Hegelwoche richtete der Wiener Psychiater, Neurowissenschaftler und Psychotherapeut PD Dr. Dr. Raphael M. Bonelli den Blick auf das Verhältnis von Religiosität und Fanatismus. Ausgangspunkt seines Vortrags war die lange Zeit verbreitete Annahme, Religion und Psychotherapie seien Gegensätze. Während Sigmund Freud Religion einst als eine Form kollektiver Zwangsneurose verstand, habe sich der Blick von Psychologie und Psychiatrie inzwischen gewandelt. Bonelli verwies auf Studien, die Religiosität mit psychischer Stabilität, höherem Wohlbefinden und einer besseren Bewältigung von Krisen in Verbindung bringen. Religion könne Orientierung geben und als Ressource wirken, etwa indem sie Gemeinschaft stifte oder Hoffnung vermittle.

Von dort aus wandte sich Bonelli der Frage zu, wie Fanatismus entsteht. Entgegen der Vorstellung, Fanatismus sei eine Folge besonders starker Religiosität, sah er dessen Ursachen vor allem in psychologischen Mechanismen. In Anlehnung an den Psychiater Kurt Schneider beschrieb Bonelli Fanatiker als Menschen mit einer unerschütterlichen Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein. Hinzu kämen ein starkes Sendungsbewusstsein und eine geringe Bereitschaft, andere Argumente gelten zu lassen. Im Zentrum stünden narzisstische Dynamiken, Perfektionismus und Geltungsstreben. Fanatismus beschrieb Bonelli deshalb als eine Art „Pseudoreligion“, die sich unterschiedlicher Inhalte bedienen könne – religiöser ebenso wie politischer oder ideologischer. Entscheidend sei nicht der Inhalt der Überzeugung, sondern die Art, wie Menschen sich mit ihr identifizieren.

Podiumsdiskussion macht Kontroversen sichtbar

Traditionell endet die Hegelwoche am dritten Abend mit einer Podiumsdiskussion der Referentinnen und Referenten gemeinsam mit dem Publikum. In diesem Jahr standen vor allem Bonellis Thesen im Zentrum und sorgten für eine lebhafte Debatte. Die Meinungen im Saal waren, auch im Vergleich zu den Vorabenden, außergewöhnlich geteilt: Sowohl kritische Nachfragen als auch Bonellis Antworten wurden wiederholt mit Applaus bedacht. Mehrere Gäste hinterfragten zentrale Annahmen des Vortrags kritisch. Kontrovers diskutiert wurde unter anderem, welche Rolle Religion selbst bei der Entstehung fanatischer Bewegungen spielt. Dabei ging es nicht nur um individuelle Glaubenshaltungen, sondern auch um die Frage, ob bestimmte religiöse Traditionen, Wahrheitsansprüche oder institutionelle Strukturen fanatische Tendenzen begünstigen können. Bonelli verteidigte seine Position, dass Fanatismus weniger aus echter Religiosität als aus deren Pervertierung entstehe. 

Damit schloss sich zugleich der Kreis zum ersten Abend der Hegelwoche. Zu Beginn hatte Christian Illies betont, dass es bei der Hegelwoche nicht darum gehe, einfache Antworten zu präsentieren, sondern unterschiedliche Perspektiven auf drängende Fragen der Gegenwart zusammenzubringen. Die drei Vorträge machten deutlich, wie unterschiedlich sich das Phänomen des Fanatismus deuten lässt: De Graaf fragte nach Erlösungsversprechen, die Menschen in extremistische Bewegungen ziehen. Bude nahm die gesellschaftlichen Bedingungen fanatischen Denkens in den Blick. Bonelli verband psychologische Befunde mit eigenen Überlegungen zu Religiosität, Sinn und Tugenden. Gerade die kontroverse Diskussion am letzten Abend zeigte dabei, dass die Hegelwoche ihrem Anspruch treu blieb: ein Ort zu sein, an dem unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen, hinterfragt und weitergedacht werden können.

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Seite 176664, aktualisiert 23.06.2026