Die Reform der Psychotherapieausbildung hat den Berufsweg für angehende Therapeutinnen und Therapeuten grundlegend verändert – und neue Herausforderungen geschaffen. Wie praktische Ausbildung dennoch gelingt, zeigen die psychotherapeutischen Hochschulambulanzen der Universität Bamberg. Sie leisten zugleich einen wichtigen Versorgungsbeitrag.
Seit der Reform des Psychotherapeutengesetzes von 2020 sind Studierende nach Masterabschluss und staatlicher Prüfung approbiert und dürfen eigenständig behandeln. Damit fiel die zuvor notwendige drei- bis fünfjährige selbstfinanzierte psychotherapeutische Ausbildung weg, während der oft prekär bezahlte Anstellungsverhältnisse für die praktischen Ausbildungsbestandteile festzustellen waren.
Die Universität Bamberg hat auf die Reform reagiert und bietet seit 2022 den Master Psychologie: Klinische Psychologie und Psychotherapie an. Praxisorientierte Anteile in der Lehre und berufsqualifizierende Tätigkeiten bereiten auf den tatsächlichen Patientenkontakt vor, beispielsweise durch 150 Stunden in der ambulanten Therapie – entweder in universitären Ambulanzen oder bei Kooperationspartnern in der Region. Prof. Dr. Sabine Steins-Löber, Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie, übernahm vor mehr als einem Jahrzehnt die Leitung der psychotherapeutischen Ambulanz für Erwachsene an der Universität Bamberg.
Unsichtbare Versorger mit sichtbarem Nutzen
Da die Studierenden auch die Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen kennenlernen müssen, gründete Prof. Dr. Cedric Sachser im Herbst 2025 eine neue Ambulanz nach dem Vorbild der bestehenden Erwachsenenambulanz. Sie legt großen Wert darauf, Elternarbeit in die Behandlungskonzepte zu integrieren – ein Aspekt, der therapeutisch essentiell ist. „Je jünger die Kinder, desto wichtiger wird die Elternarbeit“, erläutert Sachser, der seit einem Jahr an der Universität Bamberg lehrt und den Lehrstuhl für Klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie leitet
Beide Ambulanzen sind sogenannte Forschungs- und Lehrambulanzen. Für Nadja Rabeya Rahman war die Forschungsnähe einer der Gründe, sich nach ihrem Bachelor als studentische Hilfskraft in der Ambulanz für Erwachsene zu bewerben. Mit den dort erhobenen Daten schreibt sie nun ihre Masterarbeit über Kultursensitivität in der Psychotherapie. „Ich stelle den Patientinnen und Patienten Fragen zu ihrem eth- nischen oder migrationsbezogenen Hintergrund, aber auch zu Gender- fragen, Religion, Behinderungen und zum sozioökonomischen Status. Ich will wissen, ob und wie diese Themen in der Therapie besprochen werden und wie die Perspektiven von Patientinnen und Patienten und den Therapeutinnen und Therapeuten übereinstimmen.“
Die Ambulanzen operieren unter besonderen rechtlichen Rahmenbedingungen. „Wir haben keinen direkten Versorgungsauftrag“, betont Steins-Löber. „Wir können Therapien nur in dem Umfang durchführen, der für Lehre und Forschung notwendig ist.“ Trotzdem leisten sie einen erheblichen Versorgungsbeitrag: „Bei uns laufen in der Woche etwa 50 Therapiegespräche.“ Die neue Kinder- und Jugendambulanz erwartet ähnliche Zahlen. Bundesweit decken die Hochschulambulanzen und Ausbildungsinstitute schätzungsweise bis zu 10 Prozent der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung ab – ein bedeutsamer Beitrag im Versorgungssystem, der oft wenig beachtet wird. Denn die Ambulanzen tauchen in keiner Versorgungsplanungsstatistik auf.

Vom Zuschauen zum Selbermachen
Die praktische Ausbildung in den Bamberger Ambulanzen folgt einem durchdachten Stufenmodell. „Anfangs sind die Studierenden in einer Therapiesitzung dabei oder schauen sich Videos davon an. Dann übernehmen sie zunehmend mehr Verantwortung und bringen sich aktiv ein“, beschreibt Steins-Löber. „Zu Beginn sind sie natürlich total nervös. Zum ersten Mal sitzt kein Kommilitone im Rollenspiel vor ihnen, sondern eine echte Patientin oder ein echter Patient.“ Die engmaschige Supervision gibt Sicherheit: „Die Therapeutin oder der Therapeut ist dabei und hat jederzeit die Möglichkeit zu unterstützen.“
Ambulanzen mit eigenen Forschungsschwerpunkten
Diese intensive Betreuung stellt besondere Anforderungen an das psychotherapeutische Personal. „Es braucht motivierte Menschen, die Freude haben, jungen Studierenden das Berufsbild zu zeigen“, betont Sachser. Das sei keine Selbstverständlichkeit, zumal der Betreuungsaufwand nicht zusätzlich vergütet werde. Auch Studentin Rahman lobt ihre enge Einbettung ins Am- bulanzteam: „Jeder hilft sehr gerne bei meiner Masterarbeit und interessiert sich für das Thema und die Er- gebnisse. Die Therapeutinnen lassen sich interviewen und helfen mir, ihre Patientinnen und Patienten für die Studie zu rekrutieren. Umgekehrt schätzen die Therapeutinnen den kontinuierlichen fachlichen Austausch und die Reflexion der eigenen Arbeit durch die Fragen von uns Studierenden und vom Team.“
Beide Ambulanzen decken für die Lehre das gesamte Spektrum psychischer Störungen ab. Gleichzeitig setzen sie eigene Forschungsschwerpunkte: Die Erwachsenenambulanz fokussiert sich auf Essstörungen, Adipositas und Suchtmechanismen, während die Kinder- und Jugendambulanz einen Schwerpunkt auf Traumafolgestörungen legt.
Reform ohne Finanzierung der Weiterbildung: Ein bundesweites Problem
Ein strukturelles Problem zeigt sich in der Anschlussqualifikation: Die Absolventinnen und Absolventen des neuen Masterstudiengangs sind zwar approbiert und dürfen eigenständig arbeiten. Dennoch benötigen sie für eine Kassenzulassung in eigener Praxis zusätzlich eine Weiterbildung, vergleichbar mit einer Facharztweiterbildung. „Diese Weiterbildung ist nicht komplett durchfinanziert, da die Krankenkassen nur für die direkte Patientenarbeit, nicht aber für theoretische Ausbildungsanteile oder Supervisions- und Selbsterfahrungszeiten zahlen“, erklärt Sachser. Die Folge: Bundesweit warten bereits über 1.000 Psychologinnen und Psychologen auf Weiterbildungsplätze, jährlich kommen etwa 2.500 weitere hinzu. Gleichzeitig könnte der Bedarf an Therapieplätzen bis 2030 um über 20 Prozent steigen.
Mit ihrem Modell zeigt die Universität Bamberg, wie moderne Psychotherapieausbildung aussehen kann: praxisnah, wissenschaftlich fundiert und eng vernetzt mit der regionalen Versorgungslandschaft. „Die Reform des Psychotherapeutengesetzes hat wichtige Verbesserungen gebracht“, so Sachser. „Nun gilt es, die noch offenen Fragen zur Finanzierung der Weiterbildung auf Ebene von Politik und Trägereinrichtungen zu klären, damit die positiven Ansätze langfristig wirken können.“
Master Klinische Psychologie und Psychotherapie
Fakultät: Humanwissenschaften
Studienbeginn: nur zum Wintersemester
Regelstudienzeit: 4 Semester
ECTS: 120
Studienform: Voll- oder Teilzeit möglich
Akademischer Grad: Master of Science (M.Sc.)
Zulassung: zulassungsbeschränkt
Unterrichtssprache: Deutsch
Informationen zu Bewerbung, Studieninhalten und Fachstudienberatung: www.uni-bamberg.de/ma-psy-klippt
Weiterführende Informationen zu den psychotherapeutischen Hochschulambulanzen
Behandlungsansätze, Kontakt und Anmeldung für Erwachsene: www.uni-bamberg.de/klinpsych/psychotherapeutische-ambulanz
für Kinder und Jugendliche: www.uni-bamberg.de/kjpt
