Wenn Wissenschaft und Praxis ineinandergreifen

Wie Abschlussarbeiten Studierende, Unternehmen und Universität zusammenbringen | aus uni.kat 2/2026

Business team connect pieces of gears. Teamwork, partnership and integration concept
  • Campus
  •  
  • 13.10.2026
  •  
  • Hannah Fischer
  •  
  • Lesedauer: 9 Minuten

Wie entstehen Abschlussarbeiten in Kooperation mit Unternehmen – und was macht sie besonders? Beispiele aus der Universität Bamberg zeigen, wie Studierende an realen Fragestellungen arbeiten, welche Chancen sich daraus ergeben und wo die Herausforderungen liegen. Sie geben zugleich Einblick in eine bislang weniger sichtbare Form des Transfers zwischen Universität und Praxis.

Eine Abschlussarbeit beginnt oft mit einer Frage. Manchmal entsteht sie aus der Forschungsliteratur, manchmal aus einem Seminar – und manchmal aus einem Problem, das in einem Unternehmen längst auf eine Lösung wartet. Dann wird aus der Bachelor- oder Masterarbeit neben einem akademischen Leistungsnachweis ein Projekt mit unmittelbarer praktischer Relevanz. An der Universität Bamberg schreiben Studierende ihre Abschlussarbeiten regelmäßig in Kooperation mit Unternehmen. Sie arbeiten an realen Fragestellungen, in konkreten organisatorischen Kontexten – und erleben dabei, wie eng Forschung und Praxis miteinander verbunden sein können.

Vor einer solchen Frage stand auch der Automobilzulieferer Brose in Bamberg: Wie lässt sich Wissen im Unternehmen so organisieren, dass es nicht verloren geht, sondern nutzbar bleibt? Mit dieser Herausforderung beschäftigten sich gleich zwei Masterstudierende der Universität Bamberg. Mina Ebadi und Imtiaz Ali näherten sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven.

Wissen sichern, bevor es verloren geht

Mina Ebadi untersuchte, wie Wissenstransfer im Unternehmen verbessert werden kann – besonders dort, wo Wissen nicht dokumentiert wird, sondern in den Köpfen der Mitarbeitenden steckt. Die Entscheidung für eine Abschlussarbeit in Kooperation mit einem Unternehmen traf sie bewusst: „Als internationale Studentin war es mir von Anfang an wichtig, meine Komfortzone zu verlassen. Bereits die Entscheidung, für mein Masterstudium nach Deutschland zu kommen und auf Deutsch zu studieren, war für mich ein großer Schritt. Auch bei meiner Abschlussarbeit wollte ich einen anspruchsvollen Weg gehen und mich erneut herausfordern.“

Für ihre Arbeit führte sie 20 qualitative Interviews mit Mitarbeitenden bei Brose – von der Entwicklung des Leitfadens bis zur Auswertung eigenständig umgesetzt. Dabei wurde schnell deutlich: Die Praxis folgt selten klaren Strukturen. „Durch die Zusammenarbeit habe ich vor allem gelernt, mit offenen und weniger klar strukturierten Problemstellungen umzugehen. Anders als im Studium gab es nicht immer eindeutige Lösungswege, sodass eigenständige Entscheidungen gefragt waren.“

KI trifft auf reale Arbeitsprozesse

Auch Imtiaz Ali arbeitete bei Brose – allerdings mit einem anderen Zugang zum Thema. Er richtete den Blick auf technologische Möglichkeiten und deren Gestaltung. Seine Masterarbeit verbindet Künstliche Intelligenz mit Fragen der Interaktionsgestaltung und des Wissensmanagements. Ziel war es zu untersuchen, wie KI-gestützte Systeme – insbesondere Large Language Models – das Sammeln, den Austausch und das Auffinden von Wissen im Unternehmen verbessern können. „Das Besondere an meiner Masterarbeit ist, dass sie nicht nur die technische Seite der KI betrachtet, sondern die menschliche Erfahrung in den Mittelpunkt stellt“, erläutert Ali. 

Die Zusammenarbeit war eng in die Abläufe des Unternehmens eingebettet: „Ich habe mit der Abteilung Innovation & Research Funding bei Brose zusammengearbeitet und die Nutzerinterviews, die Mina Ebadi für ihre Abschlussarbeit geführt hatte, sowie organisatorische Prozesse analysiert“, erläutert Ali. Genau darin lag für ihn der große Mehrwert: „Ich habe praxisnahe Erfahrungen gesammelt, die über ein klassisches akademisches Umfeld hinausgehen, indem ich direkt mit Fachleuten aus der Industrie gearbeitet habe.“ Und auch sein Blick auf KI hat sich dadurch verändert: „Technische Leistungsfähigkeit allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, wie gut Systeme auf die Nutzerinnen und Nutzer abgestimmt und in reale Kontexte integriert sind.“

Externe Perspektiven für interne Herausforderungen

Was für Studierende eine intensive Lernerfahrung ist, ist für Unternehmen oft ein gewinnbringender Blick von außen. Dr. Michael Wrensch hat die Arbeiten von Ebadi und Ali von Unternehmensseite begleitet und sieht in der Zusammenarbeit einen klaren Mehrwert: „Studierende bringen neue Perspektiven, aktuelles Wissen und frische methodische Ansätze ins Unternehmen ein, insbesondere bei Fragestellungen, die spezielle Kompetenzen oder wissenschaftliche Methoden erfordern, die in den Brose-Abteilungen nicht oder nur eingeschränkt vorhanden sind.“ 

Hinzu komme die strategische Bedeutung solcher Kooperationen: „Durch den regelmäßigen Austausch entstehen Vertrauen, langfristige Projekte und tragfähige Wissenspartnerschaften“, erläutert Wrensch. Die Zusammenarbeit mit der Universität Bamberg empfinde er als sehr konstruktiv, offen und vertrauensvoll. Auch zur Nachwuchsgewinnung seien Kooperationen mit Hochschulen wichtig: „Sie helfen uns dabei, Studierende früh kennenzulernen, ihnen authentische Einblicke in unseren Arbeitsalltag zu geben und uns als attraktiven Arbeitgeber zu zeigen.“

Anderes Unternehmen, ähnliche Erfahrungen

Nicht nur große Industrieunternehmen wie Brose bieten Anknüpfungspunkte für Abschlussarbeiten. Auch in kleineren, spezialisierten Unternehmen entstehen Fragestellungen, die wissenschaftlich bearbeitet werden können – wie bei Maria Dobler und ihrer Zusammenarbeit mit Verus Digital. Sie studierte Digitale Denkmaltechnologien und beschäftigte sich in ihrer Masterarbeit mit der Frage, wie sich Reflexionseigenschaften realer Objekte möglichst präzise in 3D-Rekonstruktionen erfassen lassen – ein Thema, das etwa für die Forensik relevant ist. Der Kontakt zum Unternehmen bestand bereits vorher: „Ich habe als Werkstudentin dort gearbeitet und für mich stand eigentlich von Anfang an fest, dass ich auch meine Masterarbeit in Kooperation mit diesem Unternehmen schreiben möchte. So konnte ich Fragestellungen, die sich im Arbeitsalltag ergeben haben, deutlich tiefer bearbeiten, als es im normalen Tagesgeschäft möglich gewesen wäre.“

Die Zusammenarbeit bot große Freiräume, war aber auch anspruchsvoll: „Werkstudentenjob, Masterarbeit und Privates unter einen Hut zu bekommen, war für mich die größte Herausforderung“, stellt Dobler fest. Wie auch in den anderen Beispielen zeigte sich: Die Praxis bringt eigene Bedingungen mit sich – und verlangt oft andere Lösungen als die Theorie. „Im Studium sind Fragestellungen oft geradliniger, in Unternehmen können sie jedoch offener und komplexer sein“, erläutert Maria Dobler. Und nicht jede theoretisch optimale Lösung lässt sich im Alltag umsetzen: „Die beste Lösung in der Praxis ist oft die, die unter den gegebenen Rahmenbedingungen zuverlässig funktioniert und auch wirtschaftlich sinnvoll ist.“ Für Dobler war die Zusammenarbeit auch beruflich richtungsweisend: „Ich arbeite weiterhin im 3D-Bereich bei Verus Digital und bin inzwischen fest angestellt. Für mich hat sich die Zusammenarbeit also sehr gelohnt.“

Umfassendes Transferverständnis

Kooperationen wie diese sind Teil eines umfassenden Transferverständnisses an der Universität Bamberg. Gemeint ist damit nicht nur die Zusammenarbeit mit Unternehmen, sondern generell der Austausch mit Akteurinnen und Akteuren aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu tragen – und gleichzeitig Impulse von außen in Forschung und Lehre aufzunehmen. Wie dieser Austausch konkret aussieht, ist sehr unterschiedlich: „Transfer ist stark fachbezogen“ erläutert Prof. Dr. Stefan Hörmann, Vizepräsident für Lehre und Studierende. „In manchen Bereichen zeigt er sich in Kooperationen mit Unternehmen, etwa wenn Studierende in der Wirtschaftsinformatik oder der BWL an konkreten Fragestellungen aus der Praxis arbeiten. In anderen Fächern findet er eher im kulturellen oder gesellschaftlichen Bereich statt – zum Beispiel in Projekten mit Museen oder kulturellen Einrichtungen, in Form von Konzerten oder in der Lehrkräftebildung durch Fortbildungsangebote.“

Abschlussarbeiten in Zusammenarbeit mit Unternehmen sind eine besonders greifbare Form dieses Transfers. Hier zeigt sich unmittelbar, ob wissenschaftliche Ansätze auch außerhalb der Universität funktionieren. „Die Praxis ist gewissermaßen die Nagelprobe: Unternehmen würden solche Projekte nicht unterstützen, wenn sie sich davon keinen konkreten Nutzen versprächen“, sagt Prof. Dr. Thomas Saalfeld, ehemaliger Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs. Für die Universität selbst sind solche Kooperationen ebenfalls von Bedeutung: Sie stärken die Einbindung in die regionale Wirtschaft und tragen dazu bei, dass Forschung und Lehre im Austausch mit ihrem Umfeld weiterentwickelt werden. „Die Universität ist ein wichtiger Teil des regionalen Ökosystems – wir bilden Fach- und Führungskräfte aus und stehen im engen Austausch mit der Wirtschaft“, sagt Saalfeld. 

Gleichzeitig ist klar: Forschung an der Universität darf sich nicht allein an wirtschaftlichen Interessen orientieren. Die Universität versteht sich nicht ausschließlich als Ort anwendungsorientierter Forschung, sondern auch als Raum für Grundlagenforschung, deren Nutzen sich oft erst langfristig zeigt. „Nicht alle Forschungsinteressen eignen sich für solche Kooperationen – und das ist auch gut so“, erläutert Saalfeld. Ob Projekte zustande kommen, hänge vom jeweiligen Fach, den Forschungsinteressen und den konkreten Rahmenbedingungen ab.

Was erfolgreiche Zusammenarbeit ausmacht

Um welche Rahmenbedingungen es dabei geht, erläutert Prof. Dr. Martin Friesl, Transferdekan der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und seit Oktober 2026 amtierender Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs: „Entscheidend ist, dass Fragestellungen von Anfang an gemeinsam entwickelt und realistisch eingegrenzt werden. Je klarer wir die Problemstellung im Vorfeld zusammen definieren können, desto größer ist die Chance, dass die Studierenden eine exzellente und praxisrelevante Arbeit abgeben können. Gleichzeitig stoßen Abschlussarbeiten schnell an Grenzen, wenn Themen zu breit oder zu komplex angelegt sind.“ Ein weiterer zentraler Faktor sei das Vertrauen zwischen allen Beteiligten. Studierende, Universität und Unternehmen müssen sich aufeinander einlassen und ihre unterschiedlichen Erwartungen miteinander in Einklang bringen, sagt Friesl. 

Denn Universität und Unternehmen verfolgen nicht immer dieselben Interessen. Während Unternehmen möglichst konkrete und unmittelbar nutzbare Ergebnisse erwarten, stehen für die Universität wissenschaftliche Qualität und Erkenntnisgewinn im Vordergrund. Prof. Dr. Patrick Tobias Fischer, der an der Fakultät für Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik die Juniorprofessur für User Experience and Design innehat und die Arbeit von Imtiaz Ali betreut hat, sieht deshalb vor allem die Kommunikation als entscheidenden Faktor. „Bei der Betreuung von Abschlussarbeiten in Kooperation mit Unternehmen aus der freien Wirtschaft sollte ein Betreuer seine Interessen sehr früh kommunizieren, damit beide Seiten voneinander profitieren.“ Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven machen solche Arbeiten für Studierende besonders lehrreich. Sie erleben, wie wissenschaftliche, organisatorische und wirtschaftliche Anforderungen miteinander ausgehandelt werden müssen – und wie wichtig dabei Kommunikation und Abstimmung sind.

Auch Mina Ebadi zieht ein positives Fazit: „Ich würde eine solche Kooperation auf jeden Fall weiterempfehlen. Sie bietet die Möglichkeit, theoretisches Wissen praktisch anzuwenden und wertvolle Erfahrungen zu sammeln.“ Am Ende zeigt sich: Eine Abschlussarbeit mit Unternehmen ist kein Schritt weg von der Wissenschaft – sondern eine Möglichkeit, wissenschaftliches Arbeiten dort zu erproben, wo dessen Ergebnisse unmittelbar gebraucht werden.

nach oben
Seite 178521, aktualisiert 13.10.2026