Gesunde Arbeitsgestaltung per App

Moderne, digitale Tools für Unternehmen

Frau schaut während einer Besprechung etwas am Tablet nach
  • Forschung
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  • 22.09.2022
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  • Vera Hebel, Judith Volmer
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  • Lesedauer: 5 Minuten

Smartphone-Apps sind weit verbreitet und können im Arbeitskontext zum Beispiel dabei helfen, den Arbeitsalltag zu organisieren oder regelmäßiges Feedback zu bekommen. Um Führungskräfte und Beschäftigte bestmöglich unterstützen zu können, sollten Anwendungen arbeits- und organisationspsychologisches Wissen nutzen. Zu diesem Zweck werden an der Universität Bamberg wissenschaftlich fundierte, digitale Instrumente für Unternehmen entwickelt und evaluiert.

Digitalisierung im Arbeitskontext ist allgegenwärtig. Sie beinhaltet die Anwendung verschiedener Technologien, wie zum Beispiel digitale Plattformen, soziale Medien, Künstliche Intelligenz und Big Data. Im Arbeitsalltag können Personen ortsund zeitunabhängig Nachrichten auf dem Handy lesen und Meetings virtuell führen. Neben zahlreichen positiven Effekten wie Flexibilität und Zeiteinsparung treten aber auch negative Effekte auf, zum Beispiel erschwertes Abschalten von der Arbeit, Einsamkeit und das Gefühl ständiger Erreichbarkeit.

Die Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie führt mehrere Projekte mit dem Fokus auf Arbeit im digitalen Wandel durch. Die Vision lautet, durch Erforschung moderner Arbeit, gesunde und menschengerechte Arbeit zu gestalten. In verschiedenen Projekten werden digitale Inventare zur Kompetenzentwicklung von Führungskräften eingesetzt, etwa in LeA: Leading Digital and Agile in Times of Covid-19. Die Projekte ScanGov: Gesundheit am Arbeitsplatz im Smart City Research Lab der Universität Bamberg sowie PsyGesA: Psychische Gesundheit im Arbeitskontext untersuchen digitale Anforderungen im Arbeitskontext und deren psychologische und physiologische Auswirkungen.

LeA - eine moderne Führungskräfte-App

Führungskräfte nehmen in Organisationen eine Schlüsselrolle ein. Sie haben Entscheidungs- und Verantwortungsbefugnis und legen maßgeblich Strukturen fest. Führung ist eine komplexe Tätigkeit und im Zuge der aktuellen Pandemie mussten Führungskräfte äußerst schnell reagieren, um sich und  andere der veränderten und zunehmend digitalen Arbeitswelt anzupassen: Seit Ausbruch der Pandemie waren Millionen von Beschäftigten plötzlich im Homeoffice tätig. Damit verbunden war eine veränderte Führung in Organisationen: Electronic- oder kurz E-Leadership meint nicht nur eine Erweiterung existierender, traditioneller Führung, sondern eine fundamentale Änderung von Führung, die veränderte Hierarchien, agile Teamidentitäten sowie Mensch-Maschine-Interaktionen beinhaltet.

Das LeA-Projekt verbindet Wissenstransfer mit wissenschaftlich fundierten Einzel-Coachings und einer neuartigen Smartphone-App. Die fünf Coachingsitzungen sind ressourcenorientiert und finden im Abstand von circa einem Monat statt. Inhalte sind beispielsweise die Selbstführung, Zielsetzungsprozesse und gesundheitsförderliche Führung. Zusätzlich zu den Coachingsessions wird den Teilnehmenden eine App zur Verfügung gestellt, die sie in ihrem Führungsalltag begleitet. Die zehnwöchige Nutzung der App ist wie ein jederzeit verfügbarer, digitaler Coach zu verstehen. Mittels abwechslungsreicher Videos, Übungen und Fragen werden die Führungskräfte regelmäßig dazu angeregt,durch Übungsaufgaben und Selbst- und Fremdbeobachtung ihr Führungsverhalten zu reflektieren, sich weiterzubilden und erworbenes Wissen direkt in die Praxis umzusetzen. Da sogenannte Mikroprozessanalysen wichtige Erkenntnisse bieten, ist das Forschungsteam an Veränderungen auf Tagesebene, die sich über die Zeit aufsummieren, interessiert. Ein abschließender Erfahrungsaustausch zu Best Practices der Führungskräfte rundet das Projekt ab. Die erfolgreiche Teilnahme wird per Zertifikat bescheinigt. Alle Maßnahmen werden nach aktuellsten, wissenschaftlichen Maßstäben durchgeführt und evaluiert.

PsyGesA: Anforderungen diagnostizieren

Der Wandel der Arbeit mit beispielsweise den Megatrends Digitalisierung, Prävention durch Gesundheit, Wissenskultur und Konnektivität ist nicht nur für Führungskräfte täglich präsent, sondern auch für deren Beschäftigte. Das Projekt PsyGesA entwickelt ein innovatives, ökonomisches und valides Online-Diagnoseinstrument zur Messung psychischer Belastungen und Ressourcen im Arbeitskontext, welches sich branchenübergreifend anwenden lässt. Mithilfe eines circa 15-minütigen Onlinefragebogens mit Feedback zu den einzelnen Anforderungen wie Zeitdruck und soziale Konflikte sowie Ressourcen wie soziale Unterstützung und Autonomie wird der Ist-Zustand in den teilnehmenden Unternehmen diagnostiziert. Vorab wurden mit 46 Beschäftigten und Führungskräften qualitative Expert*inneninterviews durchgeführt. Auf Basis einer umfassenden Literaturrecherche in Kombination mit den Erkenntnissen aus den Interviews wurde der wissenschaftlich fundierte und evaluierte Fragebogen entwickelt. Anhand dieses PsyGesA-Online-Inventars können Führungskräfte und Mitarbeitende zukünftig schnell und einfach ihre Belastungs- und Ressourcenfaktoren analysieren.

Eine Besonderheit ist die Verknüpfung des Ist-Zustandes aus dem Fragebogen mit einem anvisierten Soll-Zustand. Dieser wird mithilfe einer individualisierten Online-Maßnahmenbox umgesetzt. Technisch auf dem neuesten Stand werden in der Maßnahmenbox präventive Möglichkeiten zur Aufrechterhaltung und Steigerung der Gesundheit am Arbeitsplatz ermöglicht. Es kommen unter anderem Videos, Quizfragen, Interviews und ein Chatbot zum Einsatz. Durch die Maßnahmenbox wird eine nachhaltige Arbeitsgestaltung verfolgt, die alle Lebensbereiche und -aufgaben wie Care-Arbeit von
Beschäftigten berücksichtigt. Das Ziel ist eine erfolgreiche und sinnstiftende Arbeitstätigkeit über die gesamte Lebensspanne hinweg.

ScanGov: Auswirkungen einer digitalen Arbeitswelt

Im privaten Bereich werden Trackinginstrumente wie Schrittzähler oder Apps zur Ermittlung der Schlafqualität bereits häufig genutzt, um Aufschluss über die eigene Fitness zu erhalten. Derartige Daten bergen auch viel Potential für die Wissenschaft: Im ScanGov-Projekt werden die alltäglichen Belastungen Bamberger Beschäftigter untersucht. Hierzuwerden tägliche Fragebögen zu Arbeit und Wohlbefinden mit den Gesundheitsdaten einer Smartwatch und speziell konstruierten Sensoren kombiniert. Dadurch lassen sich die Belastungen, denen die Beschäftigten gegenüberstehen, aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Aus den so gewonnenen Erkenntnissen über die Zusammenhänge körperlicher und psychischer Belastungen sollen Empfehlungen abgeleitet werden, wie Arbeit gut gestaltet werden kann.

Evaluation digitaler Gesundheitsprävention

Auch wenn eine Vielzahl von am Markt verfügbaren Apps spezifische Verbesserungen für Führungskräfte und Beschäftigte versprechen, sind diese meist nicht evaluiert, sodass keine verlässliche Aussage über deren Wirksamkeit möglich ist. Die vorgestellten Projekte zum Thema Digitalisierung und Wohlbefinden im Arbeitskontext hingegen liefernwissenschaftlich fundierte, evaluierte und innovative Diagnose- und Interventionsinstrumente für Führungskräfte und Beschäftigte. Durch die Entwicklung dieser (digitalen) Instrumente leistet die Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Bamberg einen wichtigen Beitrag, der zum erfolgreichen Umgang mit dem Wandel der Arbeit und damit zur Vision gesunden und menschengerechten Arbeitens beiträgt.

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