LICHT in schweren Zeiten

Empfehlungen zur Trauma- und Stressbewältigung aus der römischen Kaiserzeit

Ruinen und historische Gebäude
  • Forschung
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  • 29.08.2022
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  • Sabine Vogt
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  • Lesedauer: 7 Minuten

Galen aus Pergamon, erfolgreicher Arzt der High Society in Rom und Verfasser bedeutender Fachliteratur, verlor bei einem Großbrand in Rom im Jahr 192 nach Christus unersetzliche medizinische Materialien und Manuskripte. In einem erst 2005 wiederentdeckten Traktat beschrieb er, wie er diesen immensen Verlust verkraftet hat: Für den Umgang mit persönlichen Katastrophen empfahl er einige zeitlos gültige mentale Haltungen, wie sie auch in der modernen Psychologie empirisch erforscht und therapeutisch eingesetzt werden.


Stellen Sie sich vor, Sie sind eine international renommierte Medizinerin, die an der Entwicklung neuer Medikamente forscht. Durch einen Großbrand auf dem Gelände Ihres Forschungsinstituts gehen nicht nur Ihre Labore mit allen Geräten und Labormaterialien in Flammen auf – schlimmer noch: Der Server, auf dem die Daten Ihrer Forschungsgruppe und alle entstehenden Manuskripte zur Veröffentlichung Ihrer Forschungsergebnisse gespeichert sind, ist unrettbar zerstört. Die Arbeit von mehreren Jahren ist mit einem Schlag vernichtet, und es wäre ein immenser Kraft- und Geldaufwand nötig, damit Sie Ihre Forschungen wieder aufnehmen könnten. Hätte nicht jeder Verständnis, wenn Sie angesichts dieser Katastrophe in Verzweiflung versinken und sich für den Rest Ihres Lebens aus der Wissenschaft zurückziehen?

Großbrand im Herzen Roms

Dieses Schreckensszenario ist einem berühmten Mediziner der römischen Kaiserzeit tatsächlich zugestoßen: Bei einem Großbrand im Zentrum von Rom gingen im Jahr 192 nach Christus der Tempelbezirk der Friedensgöttin Pax auf dem Forum Romanum und auf dem angrenzenden Palatin eine öffentliche Bibliothek sowie ein Staatsarchiv in Flammen auf. Doch nicht nur das, auch privat angemietete Magazinräume auf dem Areal wurden zerstört. Darunter das eines prominenten Wissen schaftlers: Galen aus Pergamon, wohlhabender Intellektueller, erfolgreicher Arzt der High Society in Rom und Autor zahlreicher medizinischer und pharmazeutischer, aber auch philologischer und philosophischer Fachbücher. Er hatte in diesem Magazin nicht nur Wertsachen und Dokumente gelagert wie Gold, Silber und Silbergeschirr sowie die Schuldscheine seiner Schuldner, sondern auch teure und schwer zu beschaffende medizinische Instrumente, Arzneimittel und Arzneirundstoffe, vor allem aber seine Sammlung einzigartiger Bücher und eigener Manuskripte. Zu dem beträchtlichen materiellen und finanziellen Schaden trat also der Verlust unwiederbringlicher Forschungsliteratur und eigener Forschungsarbeiten.

Der Schaden war dadurch umso größer, dass Galen extra umsichtig gehandelt hatte: Er stand kurz vor der Abreise zu seinem Landgut in der Gegend um Neapel, wo er – wie es in der römischen Oberschicht üblich war – die heißen Sommermonate verbringen wollte. Seine wichtigsten Wertgegenstände wollte er während seiner Abwesenheit sicher verwahrt wissen. Denn in Rom nutzte man gerade deswegen genau diese Magazine, weil sie als besonders vor Bränden geschützt galten, da sie laut Galen „mit Ausnahme der Türen nicht aus Holz waren, nicht in der Nähe irgendeines Privathaushaltes lagen und, weil die Archive von vier Prokuratoren des Kaisers dort aufbewahrt wurden, unter militärischem Schutz standen. Aus diesem Grund bezahlten wir eine höhere Gebühr für die Anmietung von Räumen in diesen Magazinen und brachten unsere wertvollsten Besitztümer dort mit Zuversicht unter.“

Gelassenheit angesichts der Katastrophe

Viele Römer verloren ihre sicher verwahrt geglaubten Habseligkeiten – Galen berichtet von anderen Betroffenen, die deswegen monatelang Schwarz trugen, in Verzweiflung verfielen oder sogar ihren Lebensmut verloren. Ein namentlich genannter Sprachwissenschaftler erkrankte durch den Verlust seiner gesamten Bibliothek so schlimm, dass er zunächst an Schlaflosigkeit litt, dann ein Fieber entwickelte und schließlich daran verstarb. Es verwundert also nicht, dass ein Freund Galen fragte, wie er angesichts der Katastrophe so gelassen und unverdrossen bleiben könne. Als Antwort schrieb der Arzt ihm einen Brief, der als Traktat unter dem Titel Perí alypías erhalten ist, wörtlich übersetzt: Über das Nicht-Betrübtsein, im Sinne von Gelassenheit, Unverdrossenheit, Angstfreiheit – oder, modern gesprochen: Stress-Resistenz. Aus diesem Traktat stammen alle wörtlichen Zitate in diesem Beitrag.

Galen beginnt mit einer ausführlichen Beschreibung seiner Verluste durch den Brand, die in der Feststellung gipfelt, wie nachhaltig sie seinweiteres Berufsleben beeinträchtigt haben: „Als ich nach Rom zurückgekommen bin, fehlte mir alles, was ich dazu brauchte, als Arzt zu arbeiten. Dieser Tatsache war ich mir damals bewusst, wie ich mir ihrer auch bis heute an jedem einzelnen Tag bewusst bin, wenn ich das eine Mal ohne Buch, ein andermal ohne Instrument und dann wieder ohne Arznei dastehe, die ich doch brauche.“

Zwei Grundsätze, um mit Verlust gut umzugehen

Zwei mentale Grundhaltungen ermöglichten es ihm, trotz dieser Verluste „nicht wie manch andere
bekümmert zu sein, sondern ganz leicht mit dem Geschehenen zurechtzukommen.“ Der erste Grundsatz lautet: Stets das Schlimmste zu erwarten – denn was in der Realität eintritt, ist in der Regel weniger schlimm als dieses Allerschlimmste. Das Schlimmste wäre für Galen gewesen, so führt er aus, nach Beschlagnahmung seines gesamten Vermögens und Entzug seines Bürgerrechtes allein ins Exil geschickt zu werden – ein Schicksal, das unter der Willkürherrschaft des Kaisers Commodus in den Jahren 180 bis 192 viele von Galens Zeitgenossen erlitten. Im Vergleich zu einem solchen sozialen Tod erschien ihm nicht einmal der physische Tod beängstigend, und erst recht nicht ein materieller Verlust, wie groß auch immer. Sein zweiter Grundsatz ist: In jeder Situation das Positive zu sehen – das heißt, wie wir heute gerne formulieren: das Glas stets halbvoll und nicht halbleer zu sehen. Oder, wie Galen an mehreren Beispielen anschaulich ausführt: Verluste an Vermögen tun nicht weh, solange man genug zum Leben hat. Im Gegenteil, das ständige Streben danach, sein Vermögen über das Notwendige hinaus zu vermehren, und deswegen nie
zufrieden zu sein, bereitet seiner Ansicht nach viel mehr Nöte und Qualen.

Um solche Grundsätze nicht nur zu kennen, sondern auch beherzigen und verwirklichen zu können, braucht es nach Galens Aussage eine gründliche Bildung und ständige mentale Übung. Beides verdankte er seinem Vater, der ihm nicht nur darin ein Vorbild war, sondern ihm auch eine umfassende geisteswissenschaftliche, insbesondere philosophische, literarische und rhetorische Ausbildung angedeihen ließ. Dadurch war er vertraut mit anderen Konzepten zu Gelassenheit und Seelenruhe. In der hellenistischen Philosophie beispielsweise wurde gelernt und geübt, die eigene Seele frei von schädigenden Emotionen und Schmerzen zu halten und sich von Umständen, die man nicht selbst beeinflussen kann, also Schicksalsschlägen wie Krankheit, Verlust von  Angehörigen oder Vermögen, nicht beeinträchtigen zu lassen.

Lebensnähe – trotz zeitlicher Distanz

Galens Schrift unterscheidet sich davon in zweierlei Hinsicht: Erstens verfasst er keine theoretischen Empfehlungen an seine Adressaten oder Leserinnen, sondern berichtet aus eigener Erfahrung – dass die von ihm empfohlenen mentalen Haltungen wirken, zeigt ja gerade sein gelassener Umgang mit dem Verlust, der seinen Freund so beeindruckt hat. Zweitens verfolgt er nicht etwa, wie beispielsweise ein sogenannter stoischer Weiser, das Ziel, mit der Kraft seines Verstandes so sehr die körperlichen Bedürfnisse zu unterdrücken, dass er selbst unter Folter Schmerzen verachten könnte. Vielmehr geht er, nicht zuletzt aus seinen lebenslangen Erfahrungen als Arzt und Therapeut, davon aus, dass ein Mindestmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit nötig ist, um stress-resistent und gelassen bleiben zu können – und dass Körper und Seele dafür
ein Leben lang präventiv trainiert werden sollten. Mit dieser Alltags- und Lebensnähe bietet uns
Galens Schrift trotz der fast zweitausendjährigen Distanz, und obwohl seine Beispiele aus einer gänzlich anderen Lebenswelt und Gesellschaft uns fremd scheinen mögen, auch heute noch eine anregende Lektüre. Denn er formuliert einige grundlegende Prinzipien, die sich auch in modernen Therapieansätzen zu Stressbewältigung, Traumatherapie, Resilienztraining oder Coping-Strategien finden, kurz gesagt: zu mentaler Gesundheit angesichts äußerer Belastungen.

2005 entdeckt: Galens Schrift über mentale Gesundheit

Erst mit dem Buchdruck seit dem 15. Jahrhundert war sichergestellt, dass von den bis dahin bekannten und nun gedruckten Werken antiker Autoren keine Bücher mehr durch physischen Verlust einzelner Exemplare für die Nachwelt vollkommen verloren gingen. In der ersten Druckausgabe der Werke Galens war die Schrift "Über das Nicht-Betrübtsein" noch nicht enthalten, denn obwohl dieser Titel aus seinen Schriftenverzeichnissen bekannt war, wurde der vollständige Text erst 2005 durch Zufall in einer einzigen griechischen Abschrift im Kloster Vlatadon in Thessaloniki entdeckt. Galen berichtet in diesem Traktat von mehreren Werken medizinischer Fachliteratur und von eigenen unfertigen Manuskripten in Form von handgeschriebenen Papyrusrollen, von denen zum Zeitpunkt des Brandes noch keine Abschriften existierten, so dass im Feuer die einzigen existierenden Exemplare davon vernichtet wurden.

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