Vom tabuisierten Thema zum enttabuisierten Leiden

Wie Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung das Burnout-Syndrom deuten

Kind legt müde den Kopf auf den Schreibtisch
  • Forschung
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  • 30.08.2022
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  • Kristina Wied, Lisa Marie Schlagbauer
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  • Lesedauer: 7 Minuten

Gesundheit geht alle an, nicht erst seit der Corona-Pandemie. Gesundheitsthemen sind zeitlich und latent aktuell, relevant für Betroffene. Über neue und bedeutsame Themen berichten Journalistinnen und Journalisten. Dabei sind psychische Erkrankungen in den Massenmedien weniger präsent als körperliche Leiden. Die Berichterstattung über das Burnout-Syndrom bildet eine Ausnahme, wobei die Deutung unterschiedlich ausfällt.

Manager unter Druck. Voll auf Karriere zu setzen, rächt sich in der Krise“, lautete der Titel eines Artikels der Wirtschaftswoche Anfang 2022. Im Text geht es um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Führungskräfte. Thematisiert wird das Burnout-Syndrom. Aber Burnout ist nicht erst seit der Corona-Pandemie ein Thema, über das in Massenmedien berichtet wird. Einer der ersten Berichte erschien 1979 in der New York Times: „Teacher ,Burnout‘: A Growing Hazard“ zur Erschöpfung von Lehrer*innen, die psychische und körperliche Symptome aufwiesen.

Medien rahmen Themen

Ist Burnout also eine Gefahr nur für Manager*innen oder betrifft das Syndrom vor allem das Bildungssystem? Sind der Druck der Leistungsgesellschaft, das berufliche Umfeld oder individuelle Faktoren ausschlaggebend, wenn man unter Erschöpfung leidet? Sollten sich Betroffene selbst helfen oder sind Maßnahmen durch Arbeitgeber nötig? Je nachdem, welchen Blickwinkel man einnimmt, fällt die Antwort unterschiedlich aus.

Bei der Deutung von Themen in öffentlichen Diskursen spielen journalistische Angebote eine wichtige Rolle: insbesondere sogenannte Leitmedien wie die überregionalen Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung (SZ) und Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Sie stehen für eine sorgfältig recherchierte, unabhängige und vielfältige Berichterstattung; an ihnen orientieren sich andere Medien. Welche Fakten Journalistinnen und Journalisten auswählen, welche Aspekte sie hervorheben, ist Gegenstand kommunikationswissenschaftlicher Framing-Forschung.

Vier Frame-Elemente

Frames lassen sich nach Politik- und Kommunikationswissenschaftler Robert Entman in vier Elemente zerlegen: Die Problemdefinition definiert, über welchen Teilbereich eines Themas gesprochen wird. Bezogen auf Burnout kann das Hauptthema etwadie Arbeitswelt sein oder, dass bekannte Persönlichkeiten unter Burnout leiden. Die kausale Interpretation meint die Ursachenzuschreibung. Burnout könnte zurückgeführt werden auf den Druck der Leistungsgesellschaft, hohe Arbeitsbelastung oder persönliche Faktoren wie mangelnde Stressresistenz. Lösungszuschreibung und Handlungsaufforderung beziehen sich auf Maßnahmen zur Behebung des Problems. Hinsichtlich Burnout beispielsweise durch den Arbeitgeber wie geringere Arbeitszeiten, durch professionelle Hilfe oder Selbsthilfe. Die explizite Bewertung bezieht sich auf die Einordnung des Problems: von der Bedrohung durch Burnout
über eine Trivialisierung bis hin zu einer Vermarktung oder Statuserhöhung.

In der hier vorgestellten Analyse wurden Frames angelehnt an vorhandene Studien sowie am vorliegenden Zeitungsmaterial entwickelt, wie folgende Übersicht über ausgewählte Medien-Frames zu Burnout zeigt.

Eine Erklärung der Frames im Überblick:

Wirtschaftlichkeitsframe: Im Artikel wird erwähnt, welche Kosten durch Burnout auf privater oder staatlicher Ebene entstehen. Beispiele dafür sind: Die Kosten für Unternehmen durch den Ausfall von an Burnout erkrankten Mitarbeitenden oder die Kosten für Klinikaufenthalte.

Human-Interest-Frame: Im Artikel wird das Burnout-Syndrom aus Sicht von Personen beschrieben. Beispiele dafür sind: Prominenter ist von Burnout betroffen; Interview mit einem Burnout-Experten oder einem Betroffenen.

Verantwortlichkeits-Frame: Ein Artikel erwähnt beispielsweise, dass gewisse Akteure wie Unternehmen, Staat oder Führungskräfte die Möglichkeit hätten, die hohe Anzahl an Burnout-Erkrankungen zu verringern und/oder es werden Lösungen in Form von Prävention oder Heilung von Burnout aufgezeigt. Beispiele hierfür sind: Einführung einer Vier-Stunden-Woche wird diskutiert; Zeiterfassung in Unternehmen führt zu Leistungsdruck.

Tabuisierungs-Frame: In Artikeln wird erwähnt, dass Burnout ein ernstzunehmendes Problem ist, aber gleichzeitig tabuisiert wird. Die Lösung wird in der staatlichen Gesundheitsförderung verortet. Beispiele hierfür sind: Burnout wird stigmatisiert; Schweigen über Burnout wird gebrochen.

Verstärkte Berichterstattung ab 2010

Eine Inhaltsanalyse von rund 200 Artikeln, die zwischen 2000 und 2020 in SZ und FAZ erschienen
sind und das Stichwort Burnout im Titel oder Text enthielten, ergab: Ab 2010 wurde mehr über Burnout berichtet als vorher. Auffällig ist, dass die meisten Artikel zeitungsübergreifend in diesen Ressorts erschienen sind: Beruf und Bildung, Wirtschaft sowie Sport. Im Sportressort wurden Beiträge vor allem 2011 veröffentlicht. Ein Zusammenhang mit
der Öffentlichmachung des Burnouts des Fußballtrainers Ralf Rangnick und weiterer Profifußballer ist offensichtlich. Beispielsweise titelte die SZ am 23. September 2011: „Speicher leer. Der vom Burnout-Syndrom erfasste Ralf Rangnick tritt als Trainer beim FC Schalke 04 zurück“. Die FAZ berichtete am gleichen Tag ebenfalls von Rangnicks Rücktritt.

Am häufigsten wurde die Verbreitung von Burnout thematisiert; beide Zeitungen berichteten in rund zwei Dritteln ihrer Artikel über diese Problemdefinition, indem sie wertend von „Zivilisationskrankheit“ (FAZ) oder „Volkskrankheit“ (SZ) schrieben. Viele Beiträge enthielten Statistiken, die sich auf ganz Deutschland („20 bis 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung“, FAZ) oder auf bestimmte Berufsgruppen bezogen („rund 30 Prozent der Lehrer“, FAZ). Als Ursachenzuschreibung nannten beide Zeitungen in den meisten Beiträgen das berufliche Umfeld, etwa lange Arbeitszeiten, zu hohe Anforderungen im Beruf oder den Führungsstil der Vorgesetzten: „Vielen fehlt die Anerkennung
für ihre Arbeit – sei es bei der Bezahlung oder, noch wichtiger, bei den Worten, die der Chef (nicht) findet.“ (SZ) Auch das Betriebsklima wurde angeführt: „Kollegen, Teamstrukturen und kollegiale Beziehung beeinflussen mindestens genauso stark die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Memschen.“ (FAZ)

Die Handlungsempfehlung verortete ein Großteil der Artikel beider Zeitungen bei professioneller Hilfe oder beim Arbeitgeber. Häufiger als ambulante Psychotherapie wurde ein Klinik- oder Kuraufenthalt als Lösung genannt, zum Beispiel in der FAZ: „Einem Burnout folgte eine Kur, jetzt gehe es ihm aber wieder gut.“ Die Bewertung „Bedrohung
von Burnout“ fand sich häufiger in den Beiträgen der SZ, wenngleich dies auch die häufigste Bewertung in der FAZ war, indem die gesundheitlichen („Unbehandelt kann das Burnout-Syndrom dem Organismus erheblich zusetzen.“ FAZ) und finanziellen Folgen („volkswirtschaftliche Kosten in Milliardenhöhe“, SZ), die ein Burnout mit sich ziehen kann, thematisiert wurden.

Bis 2010 tabuisiertes Thema

Beiträge mit Tabuisierungs-Frame bewerteten Burnout bis 2010 überwiegend als tabuisiertes Thema. So las man 2005 in der FAZ: „Statt aber einen Gang herunterzuschalten, begehen viele Führungskräfte den Fehler zu meinen, sie müßten den ganzen Tag auf Hochtouren laufen.“ Nach 2010 wurde Burnout vornehmlich als enttabuisiertes Leiden gerahmt, beispielsweise 2015 in der SZ: „Psychiater nutzen den Begriff nur gern, weil Patienten ihn lieber hören als die Depression.“

Insgesamt dominierten in der FAZ die Frames Wirtschaftlichkeit und Verantwortlichkeit. Artikel mit dem Wirtschaftlichkeits-Frame informierten über auf Burnout zurückzuführende „Produktionsausfälle von 39 Milliarden Euro“ und die Errichtung oder Zukäufe von Burnout-Kliniken: „Kliniken sind begehrt – Finanzinvestor Odewald baut die Oberberg-Gruppe aus“. Beiträge mit dem Verantwortlichkeits-Frame behandelten zum Beispiel „die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie“.

Auch die SZ rahmte häufig mit dem Verantwortlichkeits-Frame, indem sie etwa die „hohe soziale Verantwortung und geringe gesellschaftliche Anerkennung” in bestimmten Berufsgruppen betonte. Dominant ließ sich jedoch der Human-Interest-Frame in der SZ identifizieren, insofern aus der Sicht von Einzelpersonen aus dem Profisport, Schüler*innen, Lehrer*innen oder Führungskräften informiert oder sie porträtiert wurden.

Schafft Corona neue Rahmen?

Im analysierten Zeitraum haben FAZ und SZ das Thema Burnout vor allem auf Erwachsene bezogen. In der Covid-19-Pandemie haben aber besonders die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen, deren Ängstlichkeit und depressive Stimmungen zugenommen. Damit einhergehen Einbußen bezüglich ihres Wohlbefindens und ihrer Lebensqualität, wie das Robert Koch Institut (RKI) die Befunde mehrerer Befragungen zusammenfasst. Ob und inwiefern SZ und FAZ sowie weitere Medien diese Entwicklungen in ihrer Deutung berücksichtigen, bleibt offen. Eine empirische Analyse erscheint auch vor dem Hintergrund der Forde-rung des RKI ertragreich, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen müsse wegen ihrer entwicklungsbedingten Verletzlichkeit „zentrales Element des Pandemiemanagements undauch des postpandemischen Managements sein“. Neben den Medien-Frames rücken hier Frames strategischer Kommunikatoren in den Fokus, ebenso wären Rezipienten-Frames zu untersuchen.

Literaturempfehlung:

Jörg Matthes (2022): Framing. In: Patrick Rössler und Hans-Bernd Brosius (Hrsg.): Konzepte. Ansätze
der Medien- und Kommunikationswissenschaft. 2. aktualisierte Auflage, Band 10.

Markus Pohlmann, Volker Helbig, Stefan Bär (2017): Ein neuer Geist des Kapitalismus? Selbstoptimierung und Burnout in den Wirtschaftsmedien. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 42. Jg., S. 21–44.

Susanne Gedamke (2013): Burnout in der öffentlichen Kommunikation der Schweiz. Holli A. Semetko, Patti M. Valkenburg (2000): Framing European politics. A Content Analysis of Press and Television News. Journal of Communication, 50. Jg., S. 93–109.

Robert M. Entman (1993): Projections of power. Framing news, public opinion, ans U.S. foreign policy.

 

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