Die Macht der Gruppenidentität

Wie gesellschaftliche Spaltung Gesundheit und Umwelt bedroht | aus uni.vers 01/2026

Diverse colorful silhouettes of people communicating, debating, and exchanging opinions large a group
  • Forschung
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  • 10.09.2026
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  • Philipp Sprengholz
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  • Lesedauer: 7 Minuten

Gesellschaftliche Spaltung zeigt sich nicht nur im Parteienstreit, sondern auch bei Impfungen und Klimaschutz. Immer öfter wird aus einer Sachfrage ein Bekenntnis zur eigenen Gruppe. Bamberger Forschung erklärt, wie sich daraus Konflikte entwickeln, warum selbst das Gedächtnis der eigenen Identität folgt und welche politischen Ansätze gesellschaftliche Gräben tatsächlich verringern können.

Während Politik und Medien oft von gesellschaftlicher Spaltung sprechen, umfasst der Begriff Polarisierung in der Forschung zwei unterschiedliche Phänomene. Ideologische Polarisierung bezeichnet das Auseinanderdriften inhaltlicher Positionen, beispielsweise wenn Konservative und Progressive in Fragen wie Einwanderung oder Sozialstaat immer weiter an die Extreme rücken und kaum noch gemeinsames Terrain finden. Bei der affektiven Polarisierung geht es dagegen nicht um Inhalte, sondern um Gefühle: Mitglieder der einen Gruppe mögen die andere Gruppe nicht mehr, misstrauen ihr und betrachten sie als Bedrohung. Entscheidend dabei: Affektive Polarisierung kann zunehmen, selbst wenn inhaltliche Differenzen konstant bleiben. 

Polarisierung ist gut erforscht – vor allem in der Politik

Ihren wissenschaftlichen Ursprung hat die Polarisierungsforschung in der Politikwissenschaft. Das klassische Beispiel stammt aus den USA: Demokraten und Republikaner haben sich nicht nur inhaltlich voneinander entfernt, sie nehmen einander zunehmend auch als persönliche Bedrohung wahr. Studien zeigen, dass Angehörige der anderen Partei mitunter sogar stärker diskriminiert werden als Menschen anderer Hautfarbe – ein Befund, der das Ausmaß affektiver Polarisierung eindrücklich illustriert. Eine zentrale Erklärung liefert dabei die Sozialpsychologie. Menschen definieren sich über Gruppen. Wer dazugehört, gilt als vertrauenswürdig; wer draußen ist, wird abgewertet. Problematisch wird es, wenn diese Gruppenidentitäten so stark werden, dass man nicht mehr einen politischen Gegner sieht, sondern einen Feind. Soziale Netzwerke und Filterblasen verstärken diesen Mechanismus zusätzlich: Wer sich vor allem unter Gleichgesinnten informiert, überschätzt systematisch, wie extrem und homogen die andere Seite ist.


Was Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler für Parteien beschrieben haben, lässt sich auch außerhalb des Politikbetriebs beobachten. Gruppen bilden sich rund um geteilte Einstellungen zu allen möglichen gesellschaftlichen Fragen – darunter zunehmend auch zu Themen aus Gesundheit und Umwelt. Genau hier setzt Bamberger Forschung an. Die Juniorprofessur für Gesundheitspsychologie untersucht im Verbund mit Forschenden anderer Universitäten, wie affektive Polarisierung in diesen Bereichen die gesellschaftliche Spaltung vorantreibt – und was dagegen getan werden kann. Die verschiedenen Studien werden im Folgenden genauer vorgestellt.
 

Wenn eine Gesundheitsentscheidung zur Identitätsfrage wird

Anfang 2021, ein Jahr nach Beginn der Coronapandemie, waren die ersten Impfstoffe gegen COVID-19 verfügbar. Während sich viele Menschen so schnell wie möglich impfen ließen, zögerten andere. Was zunächst wie eine individuelle Gesundheitsentscheidung wirkte, entwickelte sich in Teilen der Gesellschaft zu einem handfesten Gruppenkonflikt und damit zur Identitätsfrage. In Deutschland und Österreich demonstrierten Tausende – manche für, manche gegen die Einführung von Impfpflichten und Zugangsregeln je nach Impf- oder Genesungsstatus. Eine Panelstudie mit über 5.000 Teilnehmenden untersuchte damals die Rolle der Identifikation mit dem eigenen Impfstatus. Befragt wurde das Ausmaß, in dem jemand das Geimpft- oder Ungeimpftsein als Teil des eigenen Selbstbildes versteht, stolz darauf ist und Kritik an Menschen mit gleichem Impfstatus als persönlichen Angriff erlebt. 

Je stärker Menschen sich mit ihrem Impfstatus identifizierten, desto ausgeprägter diskriminierten sie Mitglieder der anderen Gruppe. In Geldspielen, bei denen Teilnehmende 100 Euro aufteilen sollten, gaben stark identifizierte Geimpfte Ungeimpften deutlich weniger – und umgekehrt. Wer sich stark mit dem Ungeimpftsein identifizierte, reagierte zudem mit mehr Wut auf die vielfach diskutierten Impfpflichten und war eher bereit, an Demonstrationen dagegen teilzunehmen. Die Identifikation mit dem eigenen COVID-Impfstatus sagte dabei tatsächliches Verhalten besser voraus als klassische Maße wie etwa generelle Impfskepsis.

Das Gedächtnis lügt – selektiv

Gesellschaftliche Spaltung hört mit dem Ende einer Krise nicht automatisch auf – sie setzt sich fort in der Art, wie Menschen die Vergangenheit erinnern. Eine Studie mit über 10.000 Teilnehmenden aus elf Ländern zeigte, dass Geimpfte und Ungeimpfte die Pandemie nicht nur unterschiedlich bewerten, sondern sich systematisch verzerrt an sie erinnern. Durch mehrfache Befragung im Abstand von zwei Jahren zeigte sich, dass Geimpfte im Rückblick ihre Risikowahrnehmung und ihr Vertrauen in Institutionen übertrieben; Ungeimpfte unterschätzten beides. Das Gedächtnis passte sich also der Identität an. Dieser Effekt ließ sich in Experimenten kaum korrigieren. Weder Hinweise auf typische Gedächtnisfehler noch kleine Geldanreize führten zu einer besseren Erinnerung. Die Erinnerungsverzerrung hing zudem direkt damit zusammen, wie bereit Menschen waren, künftige Pandemiemaßnahmen zu befolgen, wie sehr sie Politikerinnen und Politiker, aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für ihr Handeln während der Pandemie bestrafen wollten und wie sehr sie die gesellschaftliche Ordnung als Ganzes in Frage stellten.

Auch beim Klima: zwei Lager, ein Muster

Das Phänomen ist kein Sonderfall der Pandemie. In einer 2023 durchgeführten repräsentativen Befragung zur Klimapolitik in Deutschland fanden rund 38 Prozent, die Klimapolitik der Bundesregierung gehe zu weit; weitere 38 Prozent sahen es umgekehrt. Auch hier bildeten sich ausgeprägte Gruppenidentitäten mit denselben Folgen wie in der Impfdebatte: Überschätzung der eigenen Gruppe, Diskriminierung der Gegengruppe in Geldspielen, Unterstützung für radikale Aktionen der eigenen Gruppe. Gruppenidentität verstärkte dabei sowohl proökologisches als auch antiökologisches Verhalten, je nach Lager.

Kluge Politik statt guter Worte

Kurzfristige Kommunikationsinterventionen helfen kaum, wie eine Studie mit über 2.000 Teilnehmenden zeigte: Weder das Betonen von Gemeinsamkeiten zwischen Geimpften und Ungeimpften noch Appelle an eine gemeinsame Identität reduzierten Vorurteile oder Diskriminierung substanziell. Manche Ansätze lösten sogar Abwehrreaktionen aus und verstärkten die Wahrnehmung der anderen Gruppe als homogene Masse.

Hoffnungsvoller sind Befunde aus der Klimaforschung: Nicht Kommunikation allein, sondern die Gestaltung von Politik selbst kann Polarisierung reduzieren. In einem Experiment wurde den Teilnehmenden eine Klimasteuer vorgestellt, die ökologische Ziele mit sozialer Fairness verband, indem sie nur Gutverdienerinnen und Gutverdiener belastete und der breiten Bevölkerung zugute kam. Das Ergebnis: Die Diskriminierung gegenüber dem klimapolitisch anderen Lager ging deutlich zurück. Besonders deutlich war der Effekt ausgerechnet bei den Skeptikern. Wer Klimapolitik so gestaltet, dass sie verschiedene Gruppen mitnimmt, betreibt nicht nur wirksamere Umweltpolitik – er verringert auch gesellschaftliche Gräben.

Die Bedeutung der hier beschriebenen Befunde reicht weit über Klima und Pandemie hinaus: Überall dort, wo gesellschaftliche Entscheidungen zur Identitätsfrage werden, droht Polarisierung den sachlichen Diskurs zu verdrängen. Zusammenhalt muss deshalb aktiv gestaltet werden, durch kluge Politik, sensible Kommunikation und das Wissen, dass Gruppenidentitäten mächtiger sein können als Inhalte.

The power of group identity

How social division jeopardises health and the environment

Social division is evident not only in party politics, but also in relation to vaccinations and climate 
protection. More and more often, factual issues turn into declarations of allegiance to one’s own group. Research conducted in Bamberg explains how this leads to conflict, why even memory adheres to one’s own identity, and which political approaches can actually narrow social divides.

Literaturempfehlung

Sprengholz, P., Henkel, L., Böhm, R., & Betsch, C. (2023). Historical narratives about the COVID-19 pandemic are motivationally biased. Nature, 623(7987), 588-593. 
https://doi.org/10.1038/s41586-023-06674-5 

Henkel, L., Sprengholz, P., Korn, L., Betsch, C., & Böhm, R. (2023). The association between vaccination status identification and societal polarization. Nature Human Behaviour, 7(2), 231-239. 
https://doi.org/10.1038/s41562-022-01469-6 
 

Henkel, L., Sprengholz, P., Betsch, C., & Böhm, R. (2025). Understanding and mitigating climate policy polarisation. Preprint. 
https://doi.org/10.31234/osf.io/tmnpv_v2 

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Seite 177924, aktualisiert 10.09.2026