Hermann Hesse gehört zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren weltweit. Seine Texte handeln von Selbstsuche, inneren Krisen, Naturerfahrung und geistiger Unabhängigkeit. Themen, die auch heute viele Menschen beschäftigen. Anlässlich seines 150. Geburtstags im Jahr 2027 lohnt sich daher ein neuer Blick auf sein Werk.
Einen solchen bietet ein kürzlich erschienenes Handbuch zu Hermann Hesse, herausgegeben von der Bamberger Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Andrea Bartl und Prof. Dr. Alexander Honold von der Universität Basel. Im Gespräch erläutert Andrea Bartl, warum Hesse kein Autor vergangener Zeiten ist, welche neuen Zugänge sich zu seinem Werk eröffnen – und weshalb es sich lohnt, seine Texte immer wieder neu zu lesen.
2027 jährt sich der Geburtstag von Hermann Hesse zum 150. Mal. Warum lohnt es sich gerade heute, sich intensiv mit ihm zu beschäftigen?
Andrea Bartl: Hermann Hesse stellt erstaunlich aktuelle Fragen. Er schreibt über Identität, Selbstfindung, psychische Krisen, über den Umgang mit Natur sowie über Toleranz und Inklusion. Das sind Themen, die unsere Gegenwart stark prägen. Spannend finde ich außerdem, wie er sich an starren Geschlechterbildern seiner Zeit reibt, besonders an den strengen, leistungsorientierten Männlichkeitsidealen des späten 19. oder auch 20. Jahrhunderts. Und mich fasziniert sein Denkmodell des „Eigensinns“: eine Form geistiger Unabhängigkeit, die gerade im Zeitalter von Polarisierung und Fake News enorm wichtig ist.
Hesse gilt als der weltweit am meisten gelesene deutschsprachige Autor. Woher kommt diese Wirkung?
Zum einen spricht er grundlegende menschliche Erfahrungen an – unabhängig von Herkunft oder Kultur. Zum anderen war Hesse offen für unterschiedliche religiöse und philosophische Traditionen. Er setzte sich intensiv mit dem Christentum, Buddhismus und anderen Denkmodellen auseinander, ohne sich dogmatisch festzulegen. Diese Offenheit macht ihn weltweit anschlussfähig und zeitlos.
Viele verbinden Hesse mit dem Schulunterricht. Welche Texte stehen zu Unrecht im Schatten der „Klassiker“?
Hesse hat zahlreiche kurze Erzählungen geschrieben, die heute kaum bekannt, aber sehr zugänglich sind. Auch sein erster Roman „Peter Camenzind“ wird oft unterschätzt. Darin erzählt er die Selbstfindung eines jungen Mannes zwischen Natur, Kunst und Gesellschaft und entwickelt bereits viele Motive, die sein späteres Werk prägen.
Sie haben kürzlich ein Handbuch zu Hesse veröffentlicht. Was war Ihr Antrieb?
Ich halte Hesse für einen der am meisten unterschätzten deutschsprachigen Autoren. Trotz seiner enormen Leserschaft gibt es vergleichsweise wenig literaturwissenschaftliche Forschung zu ihm. Oft wird er vorschnell als „Jugendliterat“ oder als weltanschaulich vereinfachend abgetan. Unser Buch möchte zeigen, wie vielschichtig, modern und überraschend sein Werk ist – gerade aus heutiger Perspektive.
Welche neuen Perspektiven eröffnen Sie in dem Buch?
Wir betrachten das Gesamtwerk und nähern uns ihm aus unterschiedlichen Richtungen. Dazu gehört etwa Hesses Rolle als Literaturvermittler: Seine Art, Bücher zu empfehlen, lässt sich durchaus mit heutigen Formaten wie BookTok vergleichen. Ein anderer Fokus sind Geschlechterbilder: Wir zeigen, dass Hesses Figuren keineswegs eindimensional „männlich“ oder „weiblich“ sind, sondern dass er sich an diesen Zuschreibungen reibt und Zwischenräume sichtbar werden. Weitere Schwerpunkte sind beispielsweise seine ökologische Sensibilität und Themen, die man bei Hesse kaum erwartet – etwa Alkohol oder die Darstellung von Behinderung.
Inwiefern ist Hesses Biografie entscheidend für das Verständnis seines Werks?
Seine Jugend im pietistischen Milieu in Calw prägte ihn – sowohl durch den enormen Leistungsdruck als auch durch intensive Naturerfahrungen. Später kamen persönliche Krisen, der Erste Weltkrieg und der Umzug nach Montagnola im Tessin hinzu. Diese Erfahrungen spiegeln sich deutlich in seinen Texten. Besonders spannend finde ich auch den späten Hesse mit dem „Glasperlenspiel“ – seinem 1943 erschienenen, letzten Roman, der als sein komplexestes und zugleich zentrales Lebenswerk gilt.
Psychische Krisen sind ein zentrales Motiv bei Hesse. War er seiner Zeit damit voraus?
Ja, eindeutig. Es gibt kaum einen Text, in dem nicht eine psychische Krise eine wichtige Rolle spielt – mal offensichtlicher, mal versteckter. Hesse war früh offen für Psychotherapie und psychoanalytische Ansätze. Seine Figuren fühlen sich als Außenseiter, sind innerlich zerrissen und ringen mit sich selbst. Das macht seine Texte bis heute so anschlussfähig, weil diese Erfahrungen universell sind.
Oft heißt es, Hesse sei unpolitisch gewesen. Wie sehen Sie das?
Das greift zu kurz. Hesse war kein politischer Agitator, aber seine Texte reagieren sehr deutlich auf die Krisen seiner Zeit. Das „Glasperlenspiel“ entstand etwa unter dem Eindruck des Faschismus. Zudem unterstützte Hesse verfolgte Autorinnen und Autoren und empfahl Bücher, die im Nationalsozialismus verboten waren. Sein Widerstand war leise, aber konsequent.
Hesse war auch Maler. Welche Bedeutung hat das für sein Werk?
Das Malen begann im Kontext seiner Therapien und entwickelte sich zu einer eigenständigen Kunstform. Hesses Texte haben ohnehin etwas sehr Visuelles. Sie schulen die Wahrnehmung von und den Blick auf die Welt. Dazu kommt seine große Offenheit für andere Künste wie Musik, Tanz, Theater und Architektur. Hesse hatte einen außergewöhnlich weiten Horizont.
Gibt es ein Werk, zu dem Sie immer wieder zurückkehren?
Meine erste große Liebe war das „Glasperlenspiel“, das ich erstmals mit 25 gelesen habe.
Beim Wiederlesen war manches befremdlich, beispielsweise das fast vollständige Fehlen von Frauenfiguren. Gleichzeitig entdecke ich neue starke Aspekte, etwa eine zentrale Figur mit Körperbehinderung, die sehr selbstverständlich dargestellt wird. Genau so funktioniert Hesse für mich: Man liest ihn in verschiedenen Lebensphasen neu.
Mit welchem Text sollte man einsteigen, wenn man noch gar keinen Zugang zu Hesse hat?
Ich würde tatsächlich einen Klassiker empfehlen: „Narziss und Goldmund“. Der ist zwar relativ umfangreich, aber sehr spannend erzählt und bei genauer Lektüre erstaunlich facettenreich. Wer kürzer einsteigen möchte, kann zu einem Band mit Erzählungen greifen. Und mein persönlicher Liebling bleibt „Peter Camenzind“.
Vielen Dank für das Gespräch!
Publikation: Bartl, Andrea, und Alexander Honold (Hg.), Hermann Hesse-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung (Stuttgart: J.B. Metzler, 2025),https://doi.org/10.1007/978-3-476-06008-2.
