Historische Kriegsschadenskarten eröffnen Perspektiven auf Vergangenheit und Zukunft

Digitale Plattform macht Schadenskarten des Zweiten Weltkriegs offen zugänglich und eröffnet neue Perspektiven auf Wiederaufbau und Krisenbewältigung

  • Forschung
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  • 18.05.2026
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  • Hannah Fischer
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  • Lesedauer: 6 Minuten

Überflutete Städte, eingestürzte Wohnhäuser, zerstörte Altstädte: durch Naturkatastrophen infolge des Klimawandels oder durch Kriege wie etwa in der Ukraine sind solche Bilder heute allgegenwärtig. Doch wie reagieren Gesellschaften nach derartigen Katastrophen, wie sichern, reparieren oder gestalten sie ihre Städte neu und bereiten sich auf zukünftige Krisen vor? Einblick und Ansatzpunkte können Schadenskarten aus der Vergangenheit liefern: Das Projekt „UrbanMetaMapping“ sammelte und untersuchte in den vergangenen fünf Jahren historische Kriegsschadenskarten aus Mittel- und Osteuropa aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, um zu verstehen, wie Städte neu geordnet und wiederaufgebaut wurden. Ziel war es, diese bislang wenig erforschte Quellengattung systematisch zu analysieren, die Kontexte ihrer Entstehung zu klären und zu zeigen, wie sie beim Wiederaufbau genutzt wurde. Zu den zentralen Ergebnissen zählt die aktuell noch andauernde Veröffentlichung der aufbereiteten Daten – frei zugänglich für alle interessierten Personen.

Umfangreiche Kartensammlung

„Die Kriegsschadenskarten sind Datenschätze – im Grunde Datenbanken auf Papier“, sagt Dr. Carmen Enss, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien (KDwt) der Universität Bamberg und Leiterin des Projekts. „Indem wir sie digital aufbereiten und offen lizenzieren, machen wir sie für viele neue Fragen nutzbar – in Forschung, Lehre und für die interessierte Öffentlichkeit.“ Schadenskarten entstanden während des Zweiten Weltkriegs fast überall in Europa als Teil der Katastrophenhilfe, wie die Forschenden herausfanden. Direkt nach Kriegsende wurden die Karten genutzt für den Wiederaufbau. Je größer und politisch wichtiger die Stadt, desto mehr Kartenmaterial fanden die Forschenden bei ihren Recherchen in Archiven in ganz Europa. Neben Karten aus deutschen Städten wie Nürnberg oder Berlin entdeckten sie etwa auch Material aus London, Warschau oder Bukarest „Wir haben viel mehr Schadenskarten vorgefunden, als wir erwartet hatten – praktisch überall, wo wir gesucht haben“, sagt Enss. Aus der Zeit gab es aber nicht nur Karten, die Kriegsschäden dokumentierten. In Rumänien fanden die Forschenden beispielsweise Schadenskarten zu einem großen Erdbeben, das 1940 verheerende Schäden hinterließ. Die Karten, die nach dem Erdbeben entstanden, wurden auch während und nach dem Krieg für die Dokumentation der Kriegsschäden genutzt.

Umgang mit Krisen – gestern, heute und morgen

„Die Untersuchungen im Rahmen von UrbanMetaMapping zeigen, dass Wiederaufbauprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg planvoller und koordinierter verliefen, als häufig angenommen wird“, erläutert Carmen Enss. Viele der Karten – insbesondere aus Deutschland – beruhten auf nationalen Richtlinien. Diese Erkenntnis machte es für die Forschenden möglich, die Karten selbst ohne oder ohne vollständige Legende zu lesen und zu interpretieren. Bereits kurz nach Kriegsende begannen Katastrophenschutz- und Baueinheiten mit systematischen Sicherungs- und Räummaßnahmen. Für Carmen Enss lassen sich daraus Lehren für den heutigen Umgang mit Krisen ziehen: „Angesichts der Klimakrise und erwartbarer Katastrophen wie Überflutungen lohnt es sich, auf die Strategien früherer Wiederaufbauphasen zu schauen. Heute wie damals ist die enge Zusammenarbeit von Städtebau und Denkmalpflege entscheidend – sei es, um historisch gewachsene Stadtteile zu sichern oder um nachhaltige Lösungen für künftige Wiederaufbauten zu entwickeln.“

Digitale Plattform macht Schadenskarten sicht- und nutzbar

Die Plattform „MapmyMaps“, auf der ein Teil der Karten nun öffentlich zugänglich ist, wurde von Dr. Klaus Stein eigens für das Projekt entwickelt. Stein forscht an der Universität Bamberg unter anderem zu Spatial Humanities, begleitet seit vielen Jahren die Digitalisierung in den Geistes- und Sozialwissenschaften, und kümmert sich um den (Geo-)Informatik-Teil des Projektes. Ausgewählte historische Karten wurden in GIS georeferenziert und überlagert, womit sich die unterschiedlichen Zeitebenen abbilden lassen: So lässt sich zunächst die Stadtgrundkarte aus der Vorkriegszeit erkennen, darüber werden – sofern vorhanden – die Kriegsschäden sichtbar, und in manchen Fällen ergänzt eine dritte Ebene die Planungen für den Wiederaufbau. Nicht zu jedem Ort sind alle Schichten vollständig überliefert, doch wo sie vorhanden sind, machen sie die Entwicklung einer Stadt im Wandel der Zeit nachvollziehbar. Darüber hinaus können die georeferenzierten Karten auch für ganz praktische Fragestellungen aus der Gegenwart genutzt werden, wie etwa die Brandmittelbekämpfung: „Bei Bauarbeiten in Städten werden regelmäßig Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Mithilfe der georeferenzierten Karten ließe sich gezielter nachvollziehen, wo Bomben fielen – und wo daher ein erhöhtes Risiko besteht“, erläutert Enss.

Internationales Projekt mit Zukunft

Das mit rund 2,5 Millionen Euro vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderte Projekt UrbanMetaMapping war interdisziplinär angelegt: Denkmalpflege, Geschichte, Geoinformatik, Informatik, Sozialgeografie und Linguistik arbeiteten eng zusammen. Am Projekt beteiligt waren etwa Forschende aus Deutschland, Großbritannien, Polen, Rumänien, Griechenland und Österreich. Ein Höhepunkt war die Tagung „Spatial Humanities“, die 2024 in Bamberg mit über 100 Teilnehmenden aus aller Welt stattfand und das Projekt international sichtbar machte.

Das Projekt wurde Ende 2025 offiziell abgeschlossen. Doch die Arbeit geht weiter: Aktuell arbeitet das Team daran, Schadenskarten aus Nürnberg so aufzubereiten, dass sie künftig in den Bayernatlas integriert werden können. Dafür werden die historischen Karten passgenau auf heutige digitale Stadtpläne gelegt. Der besondere Mehrwert: Im Bayernatlas lassen sich die Kriegsschäden direkt mit aktuellen Geodaten – etwa heutigen Stadtstrukturen oder Denkmälern – vergleichen. Damit werden die historischen Karten für Planung und Denkmalpflege unmittelbar nutzbar.

Zudem plant das Team um Carmen Enss neue Förderanträge, um die Forschung auszubauen. Künftig könnte beispielsweise untersucht werden, welche Veränderungen im Stadtbild nach Kriegen tatsächlich zerstörungsbedingt waren – und welche auf bewusste Planungsentscheidungen zurückgingen. Auch Vergleiche mit weiteren Ländern und Regionen wie etwa Japan wären denkbar. Ein zentrales Anliegen bleibt die dauerhafte Sicherung und Zugänglichkeit der erhobenen Daten. Dazu stehen die Forschenden bereits mit Geoportalen, Archiven und Bibliotheken in Kontakt. Enss erläutert: „Denn bei den Karten handelt es sich um historisch wertvolle Quellen, aber zugleich um fragiles Kulturgut, das, anders als digitale Daten, nicht für die Ewigkeit gemacht ist.“

Weitere Informationen zu „UrbanMetaMapping“ finden Sie hier.

Einen Film zum Projekt gibt es hier.

„MapmyMaps“ ist hier.

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Seite 176148, aktualisiert 18.05.2026