Mehr Geld, mehr Vertrauen?

Warum steigende Löhne das Vertrauen in demokratische Institutionen nicht gestärkt haben | aus uni.vers 01/2026

looking sideways with doubtful and skeptical expression.
  • Forschung
  •  
  • 22.09.2026
  •  
  • Alexander Patzina
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  • Lesedauer: 7 Minuten

Die Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro im Jahr 2022 war eine der weitreichendsten 
arbeitsmarktpolitischen Reformen der letzten Jahre. Beschäftigte im Niedriglohnsektor profitierten von deutlichen Lohnsteigerungen. Eine Analyse von Paneldaten zeigt: Trotz Einkommenszuwächsen von fast 20 Prozent blieb das politische Vertrauen im Niedriglohnbereich 
jedoch nicht nur niedrig – es sank. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ökonomische 
Entwicklungen und politische Wahrnehmungen sich nicht im Gleichklang entwickeln.

Vertrauen in Institutionen gilt als Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften. Es fördert Wahlbeteiligung, Akzeptanz politischer Entscheidungen und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gleichzeitig wird seit Jahren – nicht nur in Deutschland – ein Vertrauensverlust beobachtet. Als mögliche Ursache wird häufig eine wachsende wirtschaftliche Ungleichheit genannt. Wenn Einkommen auseinanderdriften, kann der Eindruck entstehen, politische Entscheidungen kämen nur bestimmten Gruppen zugute. Vor diesem Hintergrund erscheint folgende Annahme plausibel: Wenn der Staat Lohnungleichheit reduziert, sollte auch das Vertrauen steigen. Der Mindestlohn ist dafür ein besonders naheliegendes Instrument, weil er direkt am unteren Rand der Lohnverteilung ansetzt und als politische Entscheidung unmittelbar sichtbar ist. 

Warum steigende Löhne Vertrauen stärken könnten …

Arbeitsmärkte sind mehr als Orte des Gelderwerbs. Sie strukturieren den Alltag, prägen soziale Kontakte und beeinflussen das Selbstbild. Erwerbsarbeit entscheidet darüber, ob sich Menschen gebraucht, anerkannt und abgesichert fühlen. Wer arbeitslos ist oder unter unsicheren Bedingungen arbeitet, berichtet in Studien von geringerem Vertrauen in unbekannte Dritte und politische Institutionen 
(Collischon et al. 2026; Giustozzi & Gangl 2021, Wroe 2014). 

Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, dass Verbesserungen am Arbeitsmarkt auch das politische Vertrauen stärken. Ein höherer Lohn bedeutet nicht nur mehr Geld, sondern signalisiert Wertschätzung, Stabilität und soziale Anerkennung. Gerade für Beschäftigte am unteren Rand der Lohnverteilung könnte eine deutliche Lohnerhöhung das Gefühl vermitteln, dass politische Entscheidungen konkrete Verbesserungen bewirken. Aus dieser Perspektive wäre zu erwarten, dass steigende Löhne zu einem Anstieg des institutionellen Vertrauens führen.

… oder keinen Einfluss haben

Gleichzeitig sprechen mehrere Gründe dagegen, einen solchen Effekt zu finden: Erstens entsteht Vertrauen nicht allein aus objektiven Verbesserungen, sondern aus deren Bewertung. Eine Lohnerhöhung kann verpuffen, wenn gleichzeitig Preise stark steigen und selbst ein nominal deutlicher Einkommenszuwachs an subjektiver Bedeutung verlieren. 

Zweitens beeinflussen nicht nur individuelle Löhne und Einkommen, sondern Wahrnehmungen gesellschaftlicher Gerechtigkeit das Vertrauen. Selbst wenn die Lohnungleichheit sinkt, kann der Eindruck bestehen bleiben, dass ‚die da oben‘ weiterhin stärker profitieren. Ungleichheit wird nicht am eigenen Konto gemessen, sondern im Vergleich zu anderen. Wenn etwa die Ungleichheit bei Haushaltseinkommen oder Vermögen steigt, kann dies positive Effekte am Arbeitsmarkt überlagern. 

Drittens konkurrieren wirtschaftliche Entwicklungen mit anderen politischen Themen. COVID-19, Migration, außenpolitische Krisen oder parteipolitische Konflikte prägen öffentliche Debatten oft stärker als graduelle Veränderungen am Arbeitsmarkt. In solchen Phasen können selbst substanzielle Lohnsteigerungen politisch in den Hintergrund treten. Vertrauen reagiert dann stärker auf übergreifende Deutungen der gesellschaftlichen Lage als auf ökonomische Details.

Die Jahre zwischen 2019 und 2023 stellen vor diesem Hintergrund einen aufschlussreichen Prüfstein dar. Mit der deutlichen Anhebung des Mindestlohns in mehreren Stufen von unter 9 Euro im Jahr 2018 auf über 12 Euro im Jahr 2024 erlebten viele Beschäftigte am unteren Rand der Lohnverteilung spürbare Lohnzuwächse. Gleichzeitig war diese Zeit von Pandemie, Inflation und geopolitischen Herausforderungen geprägt. Damit treffen im untersuchten Zeitraum zwei gegensätzliche Dynamiken aufeinander: messbare materielle Verbesserungen einerseits und vielfältige gesellschaftliche Verunsicherungen andererseits.

Genau diese Spannung macht die jüngsten Jahre zu einem besonders geeigneten Testfall für die Frage, wie eng wirtschaftliche Lage und politisches Vertrauen tatsächlich miteinander verbunden sind.

Steigende Löhne, sinkendes Vertrauen

Um die aufgeworfene Frage zu beantworten, wurden Daten des vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durchgeführten Panels „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS), einer großen jährlichen Haushaltsbefragung in Deutschland, ausgewertet. In dieser Befragung geht es seit dem Jahr 2019 unter anderem um das Vertrauen in politische Parteien, Bundesregierung, Bundesverfassungsgericht und Polizei. Aus diesen Angaben lässt sich ein Gesamtmaß für institutionelles Vertrauen bilden. Zugleich ermöglichen die Daten, individuelle Lohnverläufe nachzuzeichnen und den Einfluss von Lohnerhöhungen auf das Vertrauen zu untersuchen.

Die Auswertung zeigt zunächst: Die Löhne am unteren Rand der Verteilung sind real um rund 18 Prozent gestiegen (vgl. Abbildung 1). Die Lohnungleichheit verringerte sich damit spürbar.
Abbildung 2 verdeutlicht zunächst eine klare Korrelation: Menschen mit höheren Löhnen haben mehr Vertrauen in die demokratischen Institutionen. Weiterhin zeigt sich, dass nach einem kurzen Anstieg des Vertrauens im Zuge der COVID-19-Pandemie das Vertrauen seither für alle Lohngruppen sinkt, besonders stark zwischen 2022 und 2023. Auffällig ist, dass auch jene Lohngruppe, die die stärksten Zuwächse verzeichnete, keinen Anstieg im politischen Vertrauen zeigt. Eine Verringerung der Lohnungleichheit ging also nicht mit einem Vertrauenszuwachs bei Beschäftigten im unteren Lohnsegment einher. Insgesamt lässt sich also vermuten, dass die soziale Stellung in der Gesellschaft, die auch durch die Positionierung am Arbeitsmarkt bestimmt ist, ausschlaggebender ist für die Bewertung demokratischer Institutionen. Ob die Lohnsteigerung auf individueller Ebene dennoch einen Effekt hatte, lässt sich erst mit einer vertieften Analyse klären. 
 

Der Blick auf den Einzelnen - Individuelle Lohnzuwächse und Vertrauen

Die dargelegte Korrelation zwischen Lohngruppen und Vertrauen erlauben noch keine Aussage darüber, ob eine individuelle Lohnerhöhung bei derselben Person das Vertrauen verändert. 

Um das zu prüfen, wurden wiederholte Befragungen derselben Personen ausgewertet. Entscheidend ist dabei der Vergleich mit sich selbst über die Zeit. Untersucht wird, ob das Vertrauen einer Person steigt oder sinkt, wenn ihr eigener Lohn steigt. Jede Person dient gewissermaßen als ihr eigener Vergleichsmaßstab. Dauerhafte persönliche Eigenschaften, wie etwa politische Grundüberzeugungen oder stabile Persönlichkeitsmerkmale, bleiben dabei konstant und beeinflussen das Ergebnis nicht. 

Die Ergebnisse zeigen: Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Vertrauen: Personen mit höheren Löhnen vertrauen im Durchschnitt stärker. Doch wenn sich der Lohn einer Person erhöht, verändert sich ihr Vertrauen kaum, selbst bei größeren Lohnsprüngen. Somit deuten die Befunde darauf hin, dass monetäre Verbesserungen im Zuge der Mindestlohnerhöhung nicht ausreichend waren, politisches Vertrauen nachhaltig zu erhöhen – möglicherweise, weil sie in einem gesellschaftlichen Kontext stattfanden, in dem Krisen und Verunsicherungen den positiven Effekt überlagerten.

Grenzen ökonomischer Politik

Dass selbst deutliche Lohnsteigerungen keine Auswirkung auf das Vertrauen in demokratische Institutionen haben, zeigt die Grenzen von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, die nur auf Lohnerhöhungen im Niedriglohnsektor abzielen. Dass das Vertrauen ohne die Mindestlohnerhöhung möglicherweise noch stärker gesunken wäre, lässt sich dabei nicht ausschließen – eine eindeutige Bewertung der Reform ist daher nicht möglich. Wer politisches Vertrauen stärken will, muss über reine Lohnpolitik hinausdenken. Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass insbesondere der Erhalt der Erwerbsarbeit eine wichtige Rolle für die Akzeptanz politischer Prozesse und Institutionen einnehmen könnte. Auch Faktoren wie transparente Kommunikation, wahrgenommene Fairness und die Bearbeitung kultureller Konfliktlinien spielen wohl eine ebenso große Rolle wie ökonomische Verbesserungen. Grundpfeiler für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist somit eine ganzheitliche (Arbeitsmarkt-)Politik, die Arbeit sichert und als fair wahrgenommen wird.

Literaturempfehlung

Collischon, M., & Patzina, A. (2026). Wages and insti-tutional trust between 2019 and 2023. 
Acta Sociologica (online first). 
doi.org/10.1177/00016993261442013 

Collischon, M., Patzina, A., & Pohlan, L. (2026). Gender Differences in the Effect of Unemployment on Social Trust: Evidence from German Panel Data.
In Vorbereitung. 

Giustozzi, C., & Gangl, M. (2021). Unemployment and political trust across 24 Western democracies: Evi-dence on a welfare state paradox.
Acta Sociologica, 64(3), 255-273. 
doi.org/10.1177/00016993211008501 

Patzina, A. (2026). Urban-Rural Divides in Political Trust: A Joint Test of Three Possible Explanations. 
In Vorbereitung. 

Wroe, A. (2014). Political trust and job insecurity 
in 18 European polities. 
Journal of Trust Research, 4(2), 90–112. 
doi.org/10.1080/21515581.2014.957291 

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Seite 178063, aktualisiert 22.09.2026