Geschlechtersensibilität ist ein Qualitätsmerkmal exzellenter Wissenschaft. Die Universität Bamberg baut dafür Strukturen und Unterstützungsangebote aus. Der Artikel gibt Einblick in aktuelle Entwicklungen und stellt geschlechtersensible Forschungsprojekte vor.
Drei Forschungsprojekte, drei unterschiedliche Fragen – ein gemeinsamer Kern: Wissenschaft wird präziser, wenn sie Menschen in ihrer Vielfalt mitdenkt. Bei der Eröffnung des neuen Zentrums für Geschlechtersensible Forschung (ZGF) wurden im Sommer 2025 Arbeiten ausgezeichnet, die zeigen, wie bedeutend die Berücksichtigung der Dimension Geschlecht sein kann – ob es um Essstörungen, Karrierewege in der Informatik oder den Blick auf ökonomische Ungleichheiten geht. Die prämierten Projekte stehen für eine Entwicklung, die an der Universität Bamberg immer stärker sichtbar wird – und die inzwischen als Qualitätsmerkmal exzellenter Forschung gilt.
Geschlechtersensibilität in der Profilbildung
Prof. Dr. Thomas Saalfeld, Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs, bringt es auf den Punkt: „Geschlechtersensible Forschung erweitert unseren Blick auf die Welt. Die Perspektiven helfen uns, präzisere Fragen zu stellen, bessere Methoden zu entwickeln und Forschungsergebnisse zu erzielen, die einer diversen Gesellschaft gerecht werden.“ Mit dem neu gegründeten Zentrum für Geschlechtersensible Forschung, dem BMFTR-Projekt GENIAL-forschen+ und der Profilinitiative Geschlechtersensible Forschung wurden in den vergangenen Jahren zentrale Strukturen geschaffen, die Expertise bündeln, Methodenwissen erweitern und die Sichtbarkeit des Themenfelds stärken.

Forschungsförderung im Wandel
Auch Institutionen der Forschungsförderung legen Wert auf eine geschlechtersensible Perspektive: Auf europäischer Ebene ist die Berücksichtigung von Geschlecht und Diversität in Programmen wie Horizon Europe inzwischen fest verankert; die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fordert seit einigen Jahren ebenfalls eine systematische Reflexion dieser Aspekte in der Antragstellung. Damit wird deutlich: Wer Fördermittel einwerben will, muss die Geschlechterdimension seiner Forschung ernsthaft reflektieren. Zugleich rückt immer stärker ein intersektionales Verständnis von Vielfalt in den Vordergrund. Ziel ist es, komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen und Forschung nicht nur geschlechts-, sondern insgesamt diversitätssensibel aufzustellen.
Unterstützung für Forschende
Bamberg bietet dafür umfassende Unterstützungsangebote: Individuelle Beratung in der Antragstellung, Workshops, Methoden-Impulse, eine Antragswerkstatt für Forschende in frühen Karrierephasen und eine in Planung befindliche Handreichung. „Wir wollen Forschende nicht nur kurz vor der Einreichung der Anträge, sondern schon in der frühen Projektplanung erreichen“, erläutert Dr. Jeanine Linz vom Dezernat Forschungsförderung und Transfer (Z/FFT). Sie ist dafür zuständig, geschlechtersensible Aspekte und Strukturen in der Forschungsförderung im Rahmen des Projekts GENIAL-forschen+ zu etablieren.
Wie breit das Thema an der Universität bereits verankert ist, zeigt ein Blick in das Forschungsinformationssystem (FIS): Über 100 Projekte, Publikationen und Personen sind der Profilinitiative Geschlechtersensible Forschung zugeordnet. Sichtbar wurde die Vielfalt bei der Eröffnung des ZGF im Juli 2025. Im Folgenden werden die drei prämierten Forschungsarbeiten näher vorgestellt und Prof. Dr. Astrid Schütz ordnet die aktuelle wissenschaftspolitische Lage ein.
Geschlechtersensible Forschung sichtbar gemacht – die prämierten Projekte des ZGF-Posterwettbewerbs:
Intervention gegen die Stigmatisierung von Männern mit Essstörung in der hausärztlichen Versorgung (iSMEsH)
Beteiligte: Martin S. Lehe, Prof. Dr. Sabine Steins-Löber und Prof. Dr. Georgios Paslakis
Essstörungen gelten noch immer als „Frauenthema“ – mit erheblichen Folgen für betroffene Männer. Obwohl Schätzungen zufolge jeder vierte bis fünfte Fall bei einem männlichen Betroffenen auftritt, suchen Jungen und Männer deutlich seltener Hilfe. Das Projekt iSMEsH untersucht, wie Vorurteile und Unsicherheiten in der hausärztlichen Versorgung abgebaut werden können, die häufig die erste Anlaufstelle ist. Ziel ist es, Wissen zu vermitteln, Empathie zu fördern und Barrieren in der Diagnostik und Behandlung abzubauen. Das Team arbeitet mit einem geschlechtersensiblen und partizipativen Ansatz. Entstanden sind ein praxisnahes Handbuch für Hausärztinnen und Hausärzte sowie eine sechsteilige, kostenfreie Online-Fortbildung, die für medizinisches Personal in der Primärversorgung offiziell zertifiziert ist. Ergänzend stellt eine Webseite (https://maennermitessstoerung.rub.de/), Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen Informations- und Behandlungsmaterial, Videos und Hilfsangebote zur Verfügung. In Begleitstudien prüft das Team, ob die Fortbildung tatsächlich zu einem Abbau von Stigmatisierung führt und wie solche Interventionen langfristig in den Praxisalltag integriert werden können. Erste Ergebnisse zeigen: Partizipative und kontextsensitive Ansätze bieten Potenzial, geschlechterbezogene Stigmata nachhaltig zu überwinden.

Wie weibliche Role Models das Promotionsinteresse von Frauen in der Informatik beeinflussen
Beteiligte: Judith Knoblach, Sonja Niemann, Franziska Paukner, Eda Ismail, Prof. Dr. Ute Schmid
Trotz steigender Absolventinnenzahlen bleibt der Anteil promovierender Frauen in der Informatik gering. Woran liegt das – und was kann helfen, mehr Frauen für eine wissenschaftliche Laufbahn zu gewinnen? Dieser Frage geht ein Forschungsteam an der Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik (WIAI) nach. Im Zentrum steht der Einfluss weiblicher Vorbilder auf das Promotionsinteresse von Informatikstudentinnen am Ende ihres Masterstudiums. Frühere Forschung zeigt, dass mangelnde Selbstwirksamkeit, familiäre Planungen oder das Fehlen von Vorbildern Frauen davon abhalten können, zu promovieren. Das Bamberger Team möchte nun herausfinden, welche Vorbilder besonders motivierend wirken und Frauen darin bestärken, ihren Platz in der Wissenschaft selbstbewusst einzunehmen. Sind es sogenannte High Achiever, die scheinbar mühelos Karriere und Familie verbinden, oder Regular Achiever, deren Lebenswege eher alltagsnah und erreichbar erscheinen?

Ökonomische Geschlechterungleichheit, Intersektionalität und Privileg. Ein partizipativer Forschungsansatz
Beteiligte: Co-Forschende der 11a am Gymnasium bei St. Anna Augsburg, Marie Lou Hartmann, Hannah Olbrich, Dr. Jan Schulz-Gebhard, Caleb Agoha, Bettina Gregg, Anna Gebhard, Margitta Grötsch, Linus Heilscher, Benedikt Holland, Matthias Schilling, Daniel Mayerhoffer
Das Projekt untersucht, warum Menschen das Ausmaß ökonomischer Ungleichheit – darunter genderbasierte und intersektionale Benachteiligungen – häufig unterschätzen. Es kombiniert die Analyse internationaler Einkommensdaten mit Fokusgruppen und Befragungen sowie den Perspektiven von Elftklässlerinnen und -klässlern, die als Co-Forschende aktiv beteiligt sind. Die Ergebnisse zeigen: Individuelle Erfahrungshorizonte und soziale Segregation führen dazu, dass vor allem Männer strukturelle Ungleichheiten unterschätzen. Und auch die Jugendlichen identifizierten gruppenbezogene ökonomische Ungleichheiten als zentrales Problem. Aus den Ergebnissen entsteht nun ein interaktiver Onlinekurs bei OPEN vhb. Dieser soll Jugendliche und Erwachsene für ökonomische Ungleichheiten sensibilisieren und dabei insbesondere auch Geschlechterungleichheiten in den Blick nehmen.

Geschlechtersensible Forschung unter Druck
Interview mit Astrid Schütz, Geschäftsführende Direk- torin des Zentrums für Geschlechtersensible Forschung
uni.kat: Frau Schütz, Sie beobachten seit Jahren die Entwicklung geschlechtersensibler Forschung. Wie ist das Klima derzeit – auch politisch?
Schütz: Die Situation ist ambivalent: Einerseits ist das Bewusstsein für die Bedeutung geschlechtersensibler Forschung deutlich gewachsen. Themen wie die Gender Data Gap, geschlechtersensible Medizin oder Bildung werden heute viel breiter diskutiert. Andererseits erleben wir auch zunehmende Widerstände. Forschung zu Geschlecht wird von manchen Gruppen als ideologisch abgewertet, obwohl sie auf wissenschaftlicher Evidenz basiert. Diese Polarisierung erschwert sachliche Diskussionen und kann sich sogar auf die Förderlandschaft auswirken. Umso wichtiger ist es, dass Universitäten Haltung zeigen und den Wert differenzierter, faktenbasierter Forschung betonen.
uni.kat: In den USA wird versucht, Themen wie Geschlecht und Diversität aus der Wissenschaft zu drängen. Beunruhigt Sie diese Entwicklung auch mit Blick auf Europa?
Schütz: Diese Entwicklungen beobachte ich mit großer Aufmerksamkeit und Sorge. In einigen Ländern – insbesondere den USA – wird versucht, Themen wie Geschlecht oder Diversität aus Lehrplänen zu streichen oder Fördermittel gezielt zu entziehen. Das bedroht die Freiheit von Forschung und Lehre. Wir sehen uns deshalb auch in der Verantwortung, Räume für wissenschaftlichen Diskurs und Reflexion zu schaffen.
uni.kat: Woher kommt die Skepsis gegenüber geschlechtersensibler Forschung?
Schütz: Oft entsteht sie aus Missverständnissen. Viele Menschen meinen, geschlechtersensible Forschung wolle biologische Unterschiede zwischen Menschen leugnen. Das Gegenteil ist der Fall: Sie stellt diese nicht infrage, sondern berücksichtigt etwaige Unterschiede, rückt aber auch Vorurteile gerade und ergänzt die biologische Perspektive um eine gesellschaftliche. Denn wie wir über Männlichkeit oder Weiblichkeit denken, welche Rollen damit verbunden sind und wie sie sich auf unsere Chancen und Erfahrungen auswirken – all das ist nicht nur biologisch, sondern auch kulturell und sozial geprägt.
uni.kat: Wie gehen Sie mit Menschen um, die geschlechtersensibler Forschung skeptisch gegenüberstehen?
Schütz: Ich suche das Gespräch und versuche, solche Missverständnisse aufzuklären. Die Erfahrung zeigt: Wenn wir die Zusammenhänge erklären und mit konkreten Beispielen aus dem Alltag verbinden, lässt sich viel Skepsis abbauen und ein Raum für differenziertes Nachdenken und gemeinsame Diskussion eröffnen.
uni.kat: Wie wollen Sie dazu beitragen, dass gesellschaftliche Debatten dazu wieder sachlicher geführt werden?
Schütz: Wir setzen auf Aufklärung und greifbare Beispiele. Viele Menschen sind überrascht, wenn sie erfahren, dass etwa Raumtemperaturen in Büros am männlichen Stoffwechsel ausgerichtet sind – mit der Folge, dass Frauen häufiger frieren. Oder dass sich Autismus und ADHS bei Frauen oft anders äußern und deshalb lange unerkannt bleiben. Solche Fakten machen deutlich, dass Geschlechteraspekte keine Nebensache sind. Gleichzeitig wollen wir zeigen, dass Meinungen und Ideologien nichts mit wissenschaftlicher Evidenz zu tun haben. Wir brauchen mehr Wissen, nicht mehr Schlagworte.

Alle Informationen zum Projekt GENIAL-forschen+ sowie alle Poster des Wettbewerbs gibt es hier.
Neben dem Posterwettbewerb gab es bei der Eröffnung des ZGF einen Science Slam mit Dr. Carmen Henning, Martin Lehe, Dr. Maximilian Seitz und Lana Vizjak. Die Videos sind zu finden hier.
Weitere Informationen zur Profilinitiative Geschlechtersensible Forschung gibt es hier.
Das Zentrum für Geschlechtersensible Forschung (ZGF) stellt sich hier vor.
Das Dezernat Forschungsförderung & Transfer [Z/FFT] bietet Forschenden individuelle Beratung zu geschlechtersensiblen Aspekten in der Antragstellung und im Forschungsprojekt.
Die Ausgabe von uni.vers Forschung 2024 nimmt das
Thema Vielfalt in den Blick. Hier geht es zum Onlinemagazin.
