Der Ruf erreichte ihn an seinem Geburtstag

Michael Engel ist neuer Professor für Informatik, insbesondere Systemnahe Programmierung und träumt von einer offenen Werkstatt.

Portrait von Michael Engel
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  • 03.08.2022
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  • Hannah Fischer
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  • Lesedauer: 6 Minuten

Ein kurviger Weg hat Prof. Dr. Michael Engel nach Bamberg geführt. Geboren an der Mosel und aufgewachsen am Rhein, brachte ihn dieser Weg unter anderem nach Chemnitz, Leeds, Trondheim und Coburg. Seit April 2022 hat er den Lehrstuhl für Informatik, insbesondere Systemnahe Programmierung an der Otto-Friedrich-Universität inne. Im Interview verrät er, warum seiner Meinung nach alle Personen, die sich im Internet bewegen, zumindest informatische Grundkenntnisse besitzen sollten. In der Lehre ist ihm die Praxisorientierung wichtig. Für seine Seminare und Vorlesungen wurde er in der Vergangenheit mit zwei Lehrpreisen ausgezeichnet.

Sie sind seit März in Bamberg. Wie war Ihr erster Eindruck von der Stadt und der Universität?

Michael Engel: Die Stadt Bamberg kannte ich vorher schon, weil ich etwas mehr als drei Jahre an der Hochschule Coburg als Professor gearbeitet und Bamberg immer gerne besucht habe. Für mich war auch die Lebensqualität, die die Welterbestadt bietet, einer der Entscheidungsgründe. Im März war die Uni noch relativ leer, weil wir uns mitten in der vorlesungsfreien Zeit befanden. Trotzdem habe ich gleich in den ersten Wochen sehr große Hilfsbereitschaft erfahren. Zum Beispiel habe ich mir vom Hausmeister auf der Erba einen Akkuschrauber ausgeliehen und gemeinsam mit dem Kollegen Prof. Dr. Udo Krieger die Einrichtung meines Büros umgestellt. Genau solche Dinge machen die Uni Bamberg mit ihrer familiären Atmosphäre aus. Ich war vorher als Professor in Trondheim in Norwegen, wo es alleine in der Informatik rund 130 Dozierende gibt. Dort war die Zusammenarbeit viel unpersönlicher.

Sie haben jetzt schon von ein paar Stationen Ihrer beruflichen Laufbahn berichtet. Welcher Weg hat Sie nach Bamberg geführt?

Mich hat ein sehr kurviger Weg einmal quer durch die Republik nach Bamberg geführt. Ich habe in Siegen technische Informatik und angewandte Mathematik studiert. Während meines Studiums habe ich gemeinsam mit einem Freund eine IT-Firma gegründet. Ende 2000 ist aber die erste Internetblase geplatzt. Zu dem Zeitpunkt bin ich aus der Firma ausgestiegen und zurück an die Uni, um meine restlichen Prüfungen abzulegen. Anschließend habe ich in Marburg promoviert, bin als Vertretungsprofessor an die TU Chemnitz gegangen und anschließend als Postdoc und akademischer Rat an die TU Dortmund. Zu dem Zeitpunkt habe ich auch einen Ruf an die Leeds Beckett University erhalten. Nach einem Jahr in der Industrieforschung in Cambridge kam das Brexit-Referendum. Ich hatte dabei kein gutes Gefühl und bin zurück nach Deutschland an die Hochschule für angewandte Wissenschaften in Coburg. Dort hatte ich als Professor ein sehr hohes Lehrdeputat und kaum Zeit für meine Forschung, die mir sehr wichtig ist, weshalb ich als Associate Professor Ende 2019 nach Trondheim gegangen bin. Leider brach rund zehn Wochen nach meiner Ankunft die Corona-Pandemie in Europa aus. Dadurch habe ich leider nicht so viel vom Land gesehen. Ich habe mich dann in Bamberg beworben und die Information über den Ruf an meinem Geburtstag im November vergangenen Jahres erhalten.

Was für eine Firma haben Sie damals gegründet?

Wir haben das frei verfügbare Betriebssystem Linux auf eingebetteten Systemen entwickelt. Damit sind die vielen kleinen Computer gemeint, die zum Beispiel in Handys, Waschmaschinen oder in Autos verbaut sind. Heutzutage steckt in ganz vielen Geräten irgendwo ein kleines Linux-Betriebssystem drin. Wir waren vor 23 Jahren in Europa die Pioniere dieser Entwicklung und hatten damals sehr viele Kunden aus der sogenannten New Economy, aber auch Großkunden wie Alcatel. Die Firma existiert heute noch. Wenn sich in Bamberg die Gelegenheit bietet, mit einer tollen Idee eines Studierenden wieder so eine Ausgründung zu machen, dann bin ich dafür gerne zu haben.

Zu welchen Schwerpunkten forschen Sie?

Der Lehrstuhl heißt „Systemnahe Programmierung“. Systemnah meint alles, was sehr nah an der Hardware von Computern dran ist. Dazu zählen beispielsweise Betriebssysteme. Auf diesen grundlegenden Softwarestrukturen bauen viele weitere Bereiche der Informatik auf und auch die Software an sich wird in Zeiten des Internets immer komplexer. Eines meiner Forschungsgebiete beschäftigt sich mit der Frage nach sogenannten nichtfunktionalen Eigenschaften. Das sind Eigenschaften, die orthogonal zur eigentlichen Funktionalität eines Betriebssystems stehen. Daten erzeugen oder kopieren zu können sind etwa funktionale Eigenschaften. Wenn man fragt, wie sicher oder zuverlässig eine Software ist, oder wie viel Energie sie verbraucht, dann handelt es sich um nichtfunktionale Eigenschaften. In meiner Forschung geht es insbesondere um multikriterielle Optimierung. Das bedeutet, dass man mit der Optimierung eines Kriteriums, etwa der Zuverlässigkeit, gleichzeitig alle anderen Kriterien beeinflusst. Wenn ich versuche die Zuverlässigkeit zu optimieren, indem ich alles doppelt ausführe, dann steigt zum Beispiel der Energieverbrauch meines Gerätes. Gerade, wo wir immer mehr Computer haben, in denen kleine Prozessoren verbaut sind, die Software brauchen, wird das immer wichtiger auch in Hinblick auf die Nachhaltigkeit. Wenn wir 10 Milliarden Computer in Geräten verbaut haben und selbst wenn diese individuell nur sehr wenig Energie brauchen, ist der kumulative Energieverbrauch natürlich enorm.

Betrifft Ihre Forschung auch noch in anderen Bereichen die Nachhaltigkeit?

In einem weiteren Schwerpunkt geht es darum, die Komplexität der Software auf der Systemebene zu reduzieren. Personen, die selbst PC oder Laptop nutzen, ist bestimmt schon aufgefallen, dass die Geräte viele Funktionen haben, die man nie nutzt. Wir wollen die Komplexität auf das reduzieren, was absolut notwendig ist und alles andere optional machen. Das führt auch dazu, dass wir weniger leistungsstarke Hardware brauchen, die wiederum weniger Energie verbraucht. Und das könnte in Richtung Nachhaltigkeit auch dazu führen, dass man einen Computer oder ein Handy, das sonst nach drei Jahren unbrauchbar wäre, weil die Software viel zu langsam läuft, länger einsetzen kann. Wir haben an der TU Dortmund die Lebenszyklen von elektronischen Geräten untersucht und dabei festgestellt, dass je nach Produktklasse rund die Hälfte der Energie über die gesamte Lebensdauer eines Geräts für die Produktion draufgeht und nicht im Betrieb. Das heißt: die effizienteste Art und Weise, ein Handy, PC oder Notebook nachhaltiger zu nutzen, ist es, das Gerät einfach ein Jahr länger in Gebrauch zu haben und es dann erst zu recyclen.

Wie vermitteln Sie diese Themen in der Lehre?

Ich habe als Student selbst oft irgendwelche Übungsaufgaben gemacht und hatte dabei keine Ahnung, warum ich diese Aufgabe überhaupt lösen soll. Es fehlte jeglicher Kontext. Ich möchte, dass Studierende nicht nur theoretische, sondern vor allem auch praxisorientierte Aufgaben lösen, die tatsächlich zu einem brauchbaren Ergebnis führen, was ihnen vielleicht – je nach Karriereweg, den sie einschlagen – weiterhilft. Zum Beispiel bauen Studierende in einem meiner Kurse ihr eigenes kleines Betriebssystem. Diese Lehrveranstaltung habe ich auch schon in Coburg angeboten. Die Software konnten die Studierenden teilweise später in ihrer Masterarbeit oder auch im Beruf in Industrieprodukten einsetzen. Was wir auf Wunsch der Studierenden auch gerne in Zukunft machen wollen: Einen Makerspace – also eine öffentlich zugängliche Werkstatt – einrichten. Dort könnten Studierende zum Beispiel mit 3D-Druck ihre eigene Hardware herstellen. Wir haben an der Uni, aber auch in der Stadt, viele kreative Leute, sodass ein solches Projekt echt super werden könnte. Vielleicht bekommt man zum Beispiel auch Kooperationen zwischen Musiker*innen und Informatiker*innen hin. Denn was mich als Hobbymusiker, der in den 80ern aufgewachsen ist, schon lange reizt, wäre einen analogen Synthesizer zu entwerfen, also ein analoges Musikinstrument, das Schall elektronisch erzeugt.

Warum sollten sich junge Menschen heute dazu entscheiden, Informatik zu studieren?

Fast jeder von uns bedient ein sehr komplexes technisches Gerät, mit dem Menschen zu Schaden kommen können: ein Auto. Um ein Auto zu fahren, muss man wochenlang in die Fahrschule gehen, eine Prüfung ablegen und kann den Führerschein verlieren, wenn man sich im Straßenverkehr nicht passend verhält. Wir haben sowas ähnliches mit dem Internet. Man interagiert mit Menschen, man kann ihnen Schaden zufügen – absichtlich oder unabsichtlich. Jeder Mensch darf das Internet nutzen ohne vorher irgendeine Prüfung abzulegen. Das ist einerseits schön, weil es ein offenes System ist. Mit der zunehmenden Popularität des Internets treten aber auch immer mehr Probleme auf. Deswegen würde ich jedem empfehlen, sich mit der Technologie dahinter zu beschäftigen. Wenn man dabei merkt, dass man zum Beispiel gerne mit Daten oder mit Rechnern und Systemen arbeitet, dann ist die Informatik ein sehr spannendes Gebiet, bei dem sich auch ein Studium lohnt. Informatik ist heutzutage Teil von fast allen unseren Lebensbereichen. Das bedeutet, dass man als Informatiker*in nicht zwingend den ganzen Tag vor dem Computer sitzen muss. Informatiker*innen können auch mit Menschen arbeiten. Das ist übrigens der Grund, warum ich im akademischen Bereich geblieben bin – ich arbeite gerne mit Menschen.

Vielen Dank für das Interview!

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