Isolde Adler schreibt Kochrezepte für den Computer

Die neue Professorin für Algorithmen und Komplexitätstheorie stellt sich im Interview vor.

Isolde Adler schreibt an eine Tafel.
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  • 09.03.2023
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  • Hannah Fischer
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  • Lesedauer: 8 Minuten

Algorithmen und Komplexität – das liest sich erst einmal sehr abstrakt. Prof. Dr. Isolde Adler versteht es aber, diese abstrakten Fachgebiete der Informatik verständlich zu erklären. Sie hat nämlich seit Oktober 2022 den neuen Lehrstuhl für Algorithmen und Komplexitätstheorie an der Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik (WIAI) inne. Im Interview erzählt sie nicht nur von ihren Forschungsschwerpunkten, sondern auch davon, wie wichtig eine positive Fehlerkultur an der Universität ist, wie man es schaffen könnte, mehr Frauen für die Informatik zu gewinnen und warum man in ihrem Fachgebiet nie auslernt.

Sie sind jetzt Professorin für Algorithmen und Komplexitätstheorie. Warum haben Sie sich für Bamberg entschieden?

Isolde Adler: Mich hat an der Universität Bamberg gereizt, dass hier aktuell in der Informatik so expandiert wird. Ich bin die erste Person, die den Lehrstuhl für Algorithmen und Komplexität vertritt. Dadurch gibt es viel Gestaltungsspielraum. Außerdem hat mich Bamberg auf der menschlichen Ebene überzeugt. Ich sehe bereits jetzt zahlreiche Anknüpfungspunkte an andere Fächer aus der Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik und hatte gleich von Beginn an den Eindruck, dass die Gemeinschaft sehr nett ist. Das ist an deutschen Universitäten nicht überall selbstverständlich, wo jeder sein eigener Leuchtturm ist.

Was ist Ihnen in der universitären Gemeinschaft besonders wichtig?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Fehler mit Minuspunkten versehen werden. Wenn man etwas Neues beschreitet und erforscht, dann passieren aber auch Fehler. Das ist wichtig für die Forschung, weil man daraus lernen kann. Ein wissenschaftlich herausragendes Umfeld zu haben, in das man Vertrauen hat, wo es zum Beispiel auch okay ist, mal einen Fehler zu machen, ist zentral. Gerade auch für junge Forschende ist es wichtig, in einem Umfeld zu sein, in dem sie sich wohlfühlen und in dem sie so akzeptiert werden, wie sie sind. Darauf aufbauend können sie sich den wirklich schwierigen Problemen widmen, die wir in unserem Fach versuchen zu lösen.

Ihre Lehrstuhlbezeichnung verrät, dass Sie sich mit Algorithmen beschäftigen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wenn ich von Algorithmen spreche, dann meine ich eine Art Kochrezept für den Computer. Wir machen schwerpunktmäßig die Arbeit, bevor sich jemand hinsetzt und programmiert und denken darüber nach, wie man bestimmte Dinge möglichst effizient am Computer umsetzen kann. In einem meiner Forschungsschwerpunkte beschäftige ich mich mit der Struktur von Netzwerken und Graphen im Zusammenspiel mit Ressourceneffizienz von Algorithmen. Wenn also jemand ein neues, interessantes Netzwerk gefunden hat und mehr über die Struktur wissen möchte, kann er oder sie zu uns kommen. Meistens handelt es sich um extrem große Datenmengen, für deren Erschließung wir Algorithmen entwickeln. Netzwerke sind übrigens überall zu finden: Bahnnetze, Wasserleitungen, Stromnetze, Social Networks, das World Wide Web.

Können Sie noch mehr von Ihren Forschungsschwerpunkten berichten?

Ein weiterer Schwerpunkt sind Garantien an berechnete Lösungen von Problemen. Denn man möchte ja sicher sein, dass ein System in einem Flugzeug zum Beispiel zuverlässig funktioniert und bei der Landung etwa immer das Fahrwerk ausgefahren wird. Garantien sind aber auch im Finanztransaktionsbereich wichtig. Denn man möchte nicht, dass am Ende falsche Geldbeträge ankommen. Dabei helfen uns mathematische Beweise. Außerdem beschäftige ich mich mit der Logik in der Informatik. Ein Teilbereich davon ist die Logik in Datenbanken. Sprachen, mit denen man Anfragen an Datenbanken stellt, sind Logiken. Hier interessiert mich besonders deren Effizienz. Eine zentrale Frage ist: Wie lange dauert die Auswertung von Datenbankanfragen? Wenn die Logik sehr ausdrucksstark ist, kann die Auswertung einer Anfrage extrem lange dauern. Das ist für Nutzer*innen natürlich blöd, wenn sie beispielsweise einen Flug buchen wollen, einige Kriterien im Buchungsprotal angegeben haben und ewig auf Angebote warten müssen. Wir versuchen also Logiksprachen zu identifizieren, die einerseits zulassen, dass man möglichst detaillierte Anfragen stellt, die aber andererseits für die Auswertung nicht zu lange brauchen. Darüber hinaus beschäftige ich mich mit sogenannten unteren Schranken. Mit einer unteren Schranke kann man angeben, was die geringste Laufzeit zum Lösen eines Problems ist. Das bedeutet, dass es für ein Problem keine effizientere Lösung gibt.

Können Sie ein praktisches Beispiel für eine untere Schranke nennen?

Ein ganz klassisches Beispiel ist das sogenannte Traveling-Salesperson-Problem. Wir haben eine bestimmte Anzahl von Städten zwischen denen es jeweils eine kürzeste Verbindung gibt. Die sogenannte Salesperson wollen wir so herumschicken, dass sie jede Stadt genau einmal besucht und dann wieder zum Start zurückkehrt – und das auf dem kürzesten Rundweg. Das Problem kommt in ganze vielen Situationen auf, etwa bei der Planung von LKW-, Zug- oder Flugrouten. Dafür gibt es nach aktuellem Stand keine effiziente Lösung in Form eines Algorithmus. Auf eine Antwort würden wir schnell mal ein paar tausend Jahre warten, selbst mit den Computern der heutigen Zeit. Grund dafür ist das sogenannte P-NP-Problem, eine zentrale offene Frage in der Komplexitätstheorie. Auch wenn die Entwicklung von Computern weiterhin so schnell voranschreitet wie in den letzten Jahrzehnten, wird es sehr wahrscheinlich keine schnelle Lösung für das Problem geben.

Sie sprechen mit so viel Begeisterung über Ihre Forschungsthemen. War für Sie schon früh klar, dass Sie Informatikprofessorin werden möchten?

Nein, das hat sich erst mit der Zeit entwickelt. Ich habe mir viele verschiedene Fachrichtungen angeschaut und hatte zum Beispiel auch Spaß an Musik und Sprachen. Letztendlich habe ich Mathematik und Philosophie in Göttingen, Thessaloniki und Freiburg studiert. Über die Philosophie kam ich dann auch zur Logik, die in meiner Forschung eine große Rolle spielt. An der Schnittstelle zur Informatik habe ich auch promoviert. Das Interesse an wissenschaftlichem Arbeiten habe ich für mich vor allem bei meiner Diplomarbeit entdeckt, als ich eine offene Frage gelöst habe. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich etwas beitragen kann, was vorher noch niemand wusste. Nach der Promotion war ich in Berlin und da ist mir klar geworden, dass ich mich in dem Umfeld Universität sehr wohlfühle. Ich hatte an allen meinen Stationen das Glück, in sehr inspirierenden Arbeitsgruppen zu sein, an der Spitze der Forschung, wo ich viel lernen konnte. In Berlin gab es auch das ProFiL-Programm zur Professionalisierung für Frauen in Forschung und Lehre. Das Programm war für mich ein enormer Motivationsschub, auch wenn es ein langer Weg ist, bis man dann tatsächlich eine Professur hat – gerade in Deutschland mit den befristeten Stellen.

Aktuell sind Frauen in der Informatik ja noch deutlich unterrepräsentiert. Was müsste aus Ihrer Sicht als Informatikerin passieren, dass sich das ändert?

Ganz wichtig sind meiner Meinung nach Vorbilder. Im Grunde ist das aber eine Problematik auf kultureller Ebene, das heißt für einen Wandel muss an vielen Stellen gleichzeitig angesetzt werden und wir brauchen Geduld und Optimismus. Zum Beispiel sollte man Mädchen und Frauen das Spektrum der spannenden Möglichkeiten der Informatik früh aufzeigen, bevor sie einen konkreten Berufswunsch entwickelt haben. Ich selbst war immer ein bisschen rebellisch und habe mir von niemandem vorschreiben lassen, wofür ich mich zu interessieren habe. Man braucht also vielleicht auch eine gewisse Unabhängigkeit von Erwartungen und Trends, die von außen an einen herangetragen werden. Ich habe mir gedacht: Da draußen gibt es so viele Möglichkeiten. Und die sind potentiell für mich. Ich habe selbst zwei Töchter und versuche zum Beispiel Berufe auch immer in der weiblichen Form zu nennen. Dinge, die wir regelmäßig hören oder machen, prägen unser Bewusstsein. Und wenn wir uns regelmäßig ins Bewusstsein rufen, dass an dieser oder jener entscheidenden Stelle eine Frau sitzen könnte oder sitzt, dann öffnet das einen Raum der Möglichkeiten.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst als Frau in der Informatik gesammelt?

Vor Bamberg war ich mehr als sechs Jahre an der University of Leeds. Dort war ich in einer Kommission, die auf allen Ebenen, zum Beispiel bei Stellenausschreibungen, anstrebt, Gleichstellung mit in die Prozesse zu integrieren, dass Menschen aller Geschlechter und jeglicher Herkunft sich gleichermaßen angesprochen fühlen. Das Kollegium dort war auch wirklich vergleichsweise divers – Frauen, Menschen mit und ohne Behinderung aus verschiedenen Teilen der Welt waren da. Das war so divers, dass ich als europäische Frau gar nicht aufgefallen bin. Vorher war ich es gewöhnt, dass ich zum Beispiel auf Tagungen die einzige oder eine der wenigen Frauen bin. Aber wie schon gesagt, ich fühle mich in dem Umfeld wohl, sonst wäre ich nicht in der Informatik. Es ist ein ausgesprochen vielseitiges Fach in dem wahnsinnig viel passiert und ich habe hier das Glück mit spannenden, inspirierenden und netten Menschen – und zunehmend mehr Frauen – arbeiten zu dürfen.

Vielen Dank für das Interview!

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Seite 156970, aktualisiert 09.03.2023