"Die Lust am Wissen hat mich zur Hochschulseelsorge geführt"

Alfons Motschenbacher wechselt nach 45 Semestern in die Ökumenische Telefonseelsorge.

Porträt Alfons Motschenbacher
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  • 16.03.2023
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  • Hannah Fischer
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  • Lesedauer: 5 Minuten

Fast 45 Semester war Dr. Alfons MotschenbacherHochschulseelsorger an der Universität Bamberg und Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG). Seit Januar leitet er die Ökumenische Telefonseelsorge, vertritt sich aber bis Ende März sozusagen noch selbst bis ein geeigneter Nachfolger oder eine geeignete Nachfolgerin für die Hochschulseelsorge gefunden ist. Die KHG verabschiedet ihn offiziell bei ihrer Jubiläumsfeier im Mai 2023. Grund genug, einen Blick zurück zu werfen auf mehr als 20 Jahre seiner Arbeit, in denen Alfons Motschenbacher immer versucht hat mit Respekt vor der Individualität jedes Menschen und unabhängig von Konfession oder politischer Orientierung Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich die Menschen entfalten können. „Mit seiner Arbeit hat Alfons Motschenbacher einen wichtigen Beitrag zur Kultur unseres Campus-Lebens geleistet“, sagt Kanzlerin Dr. Dagmar Steuer-Flieser. „Er hat zahlreiche Universitätsangehörige bei persönlichen, spirituellen und emotionalen Anliegen begleitet, indem er ihnen eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre geboten hat. Zudem hat er sich in unzähligen Gremiensitzungen und Runden Tischen mit seiner Expertise eingebracht. Auch den persönlichen Austausch mit ihm habe ich immer sehr geschätzt.“ Im Interview gibt Alfons Motschenbacher Einblicke in die vergangenen 45 Semester an der Universität Bamberg.

Warum haben Sie sich vor mehr als 20 Jahren dazu entschlossen, Hochschulseelsorger zu werden?

Alfons Motschenbacher: Die Lust am Wissen hat mich zur Hochschulseelsorge geführt. Nach Studium und Promotion habe ich mich für den praktischen Bereich von Theologie entschieden und eine Ausbildung zum Pastoralreferenten gemacht. Während Stationen in Bayreuth und Coburg war für mich immer klar, dass ich nach Bamberg zurück und idealerweise etwas mit Bildung machen möchte. Während meiner Studentenzeit hatte eine Buchhandlung in Bamberg mal einen Werbeaufdruck auf Taschen und Plakaten: „Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher“. Dieses Zitat des Schriftstellers Arno Schmidt habe ich mir zum Lebensmotto gemacht. Ich stelle mir den Himmel als eine Bibliothek vor, die einem die Möglichkeit gibt, immer wieder neues Wissen zu entdecken. Sich immer wieder mit aktuellen gesellschaftlichen Themen zu beschäftigen und dadurch am Puls der Zeit sein zu dürfen, habe ich an meiner Arbeit als Hochschulseelsorger sehr geschätzt.

Wie kann ich mir Ihre Arbeit vorstellen?

Meine Aufgabe war es einerseits, ein abwechslungsreiches Semesterprogramm zu erstellen. Dazu gehörten thematische Abende und Ausflüge, zum Beispiel im Sommer eine Kanutour oder im Herbst eine gemeinsame Weinprobe, sowie religiöse Angebote. Darüber hinaus habe ich mich um das Haus der KHG in der Friedrichstraße gekümmert. Gleichzeitig war die Begleitung und Beratung von Gruppen und Einzelpersonen Teil meiner Arbeit – und das frei von religiöser Bindung. Bei der Beratung von Studierenden ging es vor allem um Fragen wie: Ist studieren für mich das Richtige? Und wenn ja, ist es dieses Fach? Wo kann mein Lebensweg überhaupt hinführen? Bei meiner Arbeit stand ein Satz des Theologen Christoph Theobald immer im Zentrum: „Seelsorge ist die Kunst, durch die eigene Anwesenheit die Einzigartigkeit des anderen aufleuchten zu lassen.“ In diesem Satz steckt für mich eine Grundhaltung des Respekts vor jeder Person.

An welche Projekte erinnern Sie sich gerne zurück?

„Before I Die“ ist ein weltweites Kunstprojekt, das die Menschen dazu einlädt, über ihre Sterblichkeit nachzudenken und die Dinge zu betrachten, die ihnen am wichtigsten sind. 2009 und 2014 haben wir das Projekt auf den Campus geholt. Es wurde ein Kubus mit Schultafellack aufgestellt, auf denen Universitätsangehörige ihre Gedanken dazu aufschreiben konnten, was sie in ihrem Leben unbedingt einmal gemacht haben möchten. Da waren einerseits witzige Dinge dabei, wie „einen Piratenschatz finden“. Aber ich habe auch sehr berührende Sachen gelesen, wie „lernen, mich selbst anzunehmen“ oder „zu entdecken, was ich eigentlich vom Leben will“. 

Das letzte größere Kunstprojekt stand 2019 unter dem Titel „zusammen: ottofriedrich“. Bei dem Foto- und Interviewprojekt ging es um die Frage, wer eigentlich die Menschen sind, denen wir an der Uni tagtäglich über den Weg laufen. Aus einer zunächst kleinen Idee wurde ein riesiges Projekt, an dem der Ottfried und auch die Kommunikationswissenschaft mit einem Seminar zu Projektmanagement beteiligt waren. Schlussendlich sind daraus mehr als 60 Interviews entstanden, die wir in der KHG und in den Teilbibliotheken 3 und 4 ausgestellt haben. Nach wie vor sind die Interviews online zu finden und vergangenes Jahr haben wir daraus ein Buch gemacht. In diesem Projekt findet sich auch der Leitsatz von Christoph Theobald wieder: Die Schreiber*innen, Fotograf*innen und die porträtierten Personen konnten zeigen, was in ihnen steckt.

Gibt es etwas, das Sie vermissen werden?

An der Universität habe ich mich unheimlich wohl gefühlt. Ich werde auf jeden Fall vermissen, dass ich mit all meinen Ideen immer offene Türen finden konnte und dass Religion einen ganz selbstverständlichen Platz innerhalb der Universität einnimmt. Die religiöse Überzeugung ist für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil der eigenen Identität, die man in einem Miteinander pflegen muss. Weil Bamberg keine Massenuniversität ist, geht man durch die Stadt und begegnet unweigerlich Mitarbeiter*innen der Uni oder Studierenden. Dadurch sind die Wege immer kurz und das menschliche Miteinander unkompliziert.

Können Sie sich an ein besonders eindrückliches Erlebnis während Ihrer Zeit als Hochschulseelsorger erinnern?

Vor einigen Jahren hat mich ein Student angerufen. Zunächst war ich irritiert, weil der Anruf zu Semesterende von der Ost- oder Nordsee kam. Mehrere Personen waren zusammen in den Urlaub gefahren, um nach den Prüfungen einfach mal abzuschalten. Einer der Studenten hat sich aber in diesem Urlaub aufgrund psychischer Probleme das Leben genommen. Natürlich waren die Studierenden in einem Ausnahmezustand und haben sich verschiedene Wege gesucht, mit dieser schrecklichen Situation umzugehen. Einer von ihnen hat sich an die Hochschulseelsorge erinnert und mich angerufen. Er hatte vorher nicht viel mit der Hochschulseelsorge oder der KHG zu tun. Zwei oder drei Mal hatte ich ihn vorher bei Veranstaltungen gesehen. Dass er trotzdem angerufen hat, hat mir gezeigt, dass jede Begegnung – und sei sie noch so flüchtig – wichtiger sein kann, als man annimmt.

Gibt es etwas, das Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben würden?

Als Seelsorger an der Universität Bamberg zu arbeiten ist toll, weil man einerseits Teil des Mikrokosmos „Uni“ ist, aber andererseits trotzdem selbstständig und unabhängig, da man über das Erzbistum und nicht über die Universität angestellt ist. Deshalb wäre mein Tipp: Vernetze Dich, wo es nur geht und suche dir Kooperationspartner*innen. Nutze die Chance, dass man sich hier mit aktuellen Themen beschäftigen darf und sieh es auch als Pflicht, nicht stehen zu bleiben, denn das einzig Beständige ist der Wandel. 

Vielen Dank für das Interview!
 

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Seite 157091, aktualisiert 17.03.2023