Die Faszination der Anfänge

Norbert Kössinger, neuer Professor für Deutsche Philologie des Mittelalters, erforscht die Textkultur der frühesten deutschsprachigen Überlieferung.

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  • 16.01.2024
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  • Hannah Fischer
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  • Lesedauer: 4 Minuten

Geographisch so nah war er seiner Heimat Oberbayern in seiner akademischen Laufbahn noch nie: Nach Stationen in Nordrhein-Westfalen, Österreich, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt hat Prof. Dr. Norbert Kössinger seit Herbst 2023 den Lehrstuhl für Deutsche Philologie des Mittelalters an der Universität Bamberg inne. Er folgt damit auf Prof. Dr. Ingrid Bennewitz. Im Interview stellt er sich und seinen Werdegang vor und erzählt von seiner Begeisterung für die Anfänge der Textkultur in deutscher Sprache.

Lieber Herr Kössinger, Sie kommen zu unserem Treffen gerade aus einem Examenskolloquium. Was ist Ihnen in der Lehre besonders wichtig?

Norbert Kössinger: Mir liegt ein hohes Maß an Verbindlichkeit und der persönliche Kontakt zu den Studierenden besonders am Herzen. Ich habe selbst zu einer Zeit studiert, in der Germanistik noch ein Massenfach war. Plätze in den Seminaren musste man sich erkämpfen. Das Examenskolloquium findet zum Beispiel in einer kleinen Gruppe statt. Das ist für mich wunderbar, denn ich kann so in ganz direkten Austausch mit den Studierenden treten und auf die Bedürfnisse der einzelnen Personen eingehen. 

Was hat Sie selbst an der Germanistik fasziniert und warum sollte man sich heute für ein Germanistikstudium entscheiden?

Mir hat es von Anfang an im Studium vor allem die ältere deutsche Literatur angetan. Die fand und finde ich deshalb faszinierend, weil man im Grunde Fremdsprachen lernen kann, nämlich Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch. Dadurch lernt man auch die eigene Muttersprache nochmal ganz neu kennen und taucht in uns heute fremde Kulturen ein. Das ist meiner Meinung nach nicht nur für Lehramtsstudierende wichtig, die einen großen Teil der Germanistikstudierenden ausmachen. Sich auf eine solche Entdeckungsreise zu begeben ist für jede Person, die einen Beruf rund um die Germanistik ergreifen will, eine reizvolle und wichtige Sache, weil sie uns Fragen unserer Identität und Geschichte näherbringen kann.

Wussten Sie selbst schon immer, dass Sie Professor werden möchten?

Ursprünglich habe ich Lehramt für Gymnasium mit den Fächern Deutsch und Religion in München und Pisa studiert. Begonnen habe ich das mit dem klaren Berufsziel des Lehrers. Mein akademischer Lehrer hat mich als Hilfskraft früh in Projekte eingebunden und so habe ich Feuer gefangen für die Wissenschaft. Spätestens seit dem Abschluss der Promotion – ebenfalls in München – hat sich der Wille und der Wunsch, den Weg in der Wissenschaft weiterzugehen, verfestigt.

Wie ging es nach der Promotion für Sie weiter?

Ich war danach wissenschaftlicher Mitarbeiter in Paderborn und Wien. In Wien habe ich mich 2014 auch habilitiert. Anschließend hatte ich das Glück, eine vierjährige Lehrstuhlvertretung in Konstanz übernehmen zu können, bevor ich 2018 nach Magdeburg berufen wurde. 

Jetzt sind Sie in Bamberg. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Das hat vor allem zwei Gründe: Ich bin gebürtiger Oberbayer, meine Familie hat immer in München die Stellung gehalten. Nach den Stationen in Nordrhein-Westfalen, Österreich, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt bot diese Stelle zum ersten Mal in meiner Karriere die Möglichkeit, wieder näher bei meiner Familie zu sein. Zum anderen war selbstverständlich die Universität ausschlaggebend. In Bamberg herrschen beste Rahmenbedingungen in den Geisteswissenschaften. Für mich war es eine verlockende Aussicht in ein Umfeld zu kommen, in dem ich auf ein breites interdisziplinäres Spektrum an Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern stoßen würde. 

Hatten Sie vorher bereits einen Bezug zu Bamberg?

Als Student und junger Doktorand habe ich Bamberg immer wieder besucht zu Tagungen, die der ehemalige Inhaber des Lehrstuhls für deutsche Sprachwissenschaft und ältere deutsche Literatur Prof. Dr. Rolf Bergmann veranstaltet hat. Das waren keine sprachwissenschaftlichen Tagungen im engeren Sinne, sondern Tagungen, die die Philologie des Mittelalters und vor allem frühmittelalterliche Texte zum Thema hatten. Die Anfänge der deutschen Textkultur – also Althochdeutsch und Altsächsisch – sind zu meiner großen Leidenschaft geworden. 

Das führt uns direkt zur Frage nach Ihren Forschungsschwerpunkten:

Ich frage mich in meiner Forschung vor allem, wie man angefangen hat, in der deutschen Sprache zu schreiben. Wie sieht das aus? Was gab es für Möglichkeiten? Wie und wo hat man das gemacht? Und wie hat man die Texte weitergegeben? Die Frage nach der Weitergabe ist schon der zweite große Schwerpunkt – nämlich Mediengeschichte. Innerhalb dessen beschäftige ich mich mit der Überlieferungsgeschichte. Welche Schriften kann man unterscheiden? Wie schauen die Bücher aus, in denen deutschsprachige Texte aufgezeichnet sind? Dabei habe ich mich vor allem mit einer besonderen medialen Form beschäftigt: der Schriftrolle; verbunden mit der Frage, warum man sich eigentlich dazu entschlossen hat, Texte in dieser eigenartigen, unpraktischen und irgendwie veralteten Form des Rotulus aufzuzeichnen.

Haben Sie auf die Frage, warum Schriftrollen verwendet wurden, eine Antwort gefunden?

Ja. Und es gibt gute Gründe, die oftmals im Gebrauch der Texte liegen. Etwa wurden Schriftrollen häufig bei mittelalterlichen Aufführungen von Schauspielen verwendet, da es einfacher ist, den gesamten Texte eines Dramas als langen Streifen vor Augen zu haben als kompliziert in einem Buch zu blättern. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass sich Schriftrollen theoretisch ins Unendliche verlängern lassen, indem man einen Textstreifen an den anderen näht. Das geht bei einem Buch spätestens dann nicht mehr, wenn es vorne und hinten einen Deckel hat. Schriftrollen sind bis heute nicht ausgestorben. Es gibt in Deutschland immer noch einen kleinen Verlag, der Schriftrollen herstellt. Und sie sind auch Brücken zu unseren modernen Medien. Bei den E-Book-Readern oder bei Word blättern wir nicht, sondern scrollen. 

Können Sie von einem konkreten Forschungsprojekt berichten?

Das große dreijährige DFG-Projekt, das ich momentan verfolge, dreht sich um das Altsächsische. Ziel ist es, alle kleineren Texte zu sammeln, die in der ältesten Form des Niederdeutschen, dessen Bereich in der nördlichen Hälfte des heutigen Deutschlands liegt, aufgezeichnet worden sind. Daraus wird dann eine neue, erstmals hybride Edition des gesamten Corpus entstehen. Das bedeutet, es wird eine digitale Version sowie eine Edition in Buchform geben. Dafür werden wir die Texte aus den Handschriften neu transkribieren, sie übersetzen ins Neuhochdeutsche, Englische sowie Italienische und sie mit Kommentaren versehen. Ein weiteres Novum ist, dass wir die Texte alle einsprechen werden. Man wird die Texte also nicht nur lesen, sondern auch hören können. 

Vielen Dank für das Gespräch! 

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Seite 163196, aktualisiert 16.01.2024