Viele Kinder kommen mit großer Neugier für Naturwissenschaften in die Schule – und verlieren sie oft im Laufe der Jahre wieder. Woran liegt das? Und lässt sich Unterricht so gestalten, dass aus anfänglichem Staunen echtes Verstehen wird? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Alexander Bergmann-Gering. In seiner Doktorarbeit untersuchte er etwa, wie sich naturwissenschaftliches und mathematisches Interesse im schulischen Kontext entwickelt – und warum sich viele Schülerinnen und Schüler während ihrer Schullaufbahn gegen Fächer wie Biologie oder Chemie entscheiden. Seit März 2026 lehrt und forscht Bergmann-Gering als Professor für Didaktik der Naturwissenschaften an der Universität Bamberg.
Lieber Herr Bergmann-Gering, welcher Weg hat Sie nach Bamberg geführt?
Alexander Bergmann-Gering: Ich habe an der Universität Leipzig Lehramt studiert – mit der Fächerkombination Biologie und Ethik/Philosophie. Danach habe ich dort promoviert. Immer wieder war ich auch an anderen Standorten tätig, etwa im Rahmen einer Gastprofessur in Wien oder einer Professurvertretung in Kassel. Zuletzt habe ich meinen Vorbereitungsdienst am Humboldt-Gymnasium in Leipzig absolviert und parallel weiterhin an der Universität gearbeitet. Die praktische Arbeit mit Schülerinnen und Schülern war für mich eine sehr prägende Erfahrung, die meinen Blick auf Lehre und auf fachdidaktische Forschung noch einmal deutlich geschärft hat.
Warum haben Sie sich für Bamberg entschieden?
Mich hat das naturwissenschaftlich integrierte Format hier gereizt, also die Idee, dass Studierende am Ende Natur und Technik unterrichten. Das kann man an manchen Stellen sicherlich kritisch sehen, weil Biologie, Chemie und Physik jeweils ihre eigenen fachkulturellen Zugänge haben. Aber für Schülerinnen und Schüler ist dieser integrative Zugang oft sehr sinnvoll. Viele Phänomene lassen sich besser verstehen, wenn man sie aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Perspektiven betrachtet. Hinzu kommt: Ich bin in Sonneberg aufgewachsen und hatte dadurch schon immer Berührungspunkte mit Oberfranken. Bamberg ist ein Ort, an dem ich mir gut vorstellen konnte zu leben und zu arbeiten.
Wie liefen die ersten Wochen in Bamberg?
Ich bin beeindruckt, wie viele Kontakte sich schon ergeben haben. Es gab unglaublich viele Anfragen – von Kolleginnen und Kollegen, aber auch aus der Region, von Stiftungen, Unternehmen oder Initiativen, die sich vernetzen möchten. Das kenne ich von anderen Standorten in dieser Form nicht. Das bietet sehr gute Voraussetzungen, um Forschung, Lehre und Transfer sinnvoll miteinander zu verbinden.


Wo sehen Sie für sich an der Universität konkrete Anknüpfungspunkte?
Inhaltlich sehe ich Anknüpfungspunkte im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung, der künftig als Erweiterungsfach in den Lehramtsstudiengängen verankert sein wird. In den Computational Humanities beschäftigen sich Kolleginnen und Kollegen mit Bio- und Ökoakustik – ein Feld, das für mich spannende Anschlussmöglichkeiten bietet. Auch die Smart City-Thematik erscheint mir sehr interessant, nicht zuletzt, weil Fragen der Biodiversität im urbanen Raum eine wichtige Rolle spielen.
Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?
Ein großer Schwerpunkt ist systemisches Denken. Angesichts des zunehmenden Biodiversitätsverlusts und anderer globaler Herausforderungen reicht es aus meiner Sicht nicht aus, sich im Unterricht nur mit fachlichen Details aus den Bereichen Biologie, Physik und Chemie zu beschäftigen. Mir geht es vielmehr darum, dass Schüler und Schülerinnen komplexe Wechselwirkungen in natürlichen Systemen verstehen und vorhersagen lernen – auch um die Folgen menschlicher Eingriffe besser beurteilen zu können.
Ein Beispiel: Das Absenken des Grundwasserspiegels in der Nähe eines Auwalds, beispielsweise durch städtebauliche Maßnahmen zum Hochwasserschutz, verändert die Wasserverfügbarkeit für Bäume und damit die Konkurrenzverhältnisse zwischen verschiedenen Baumarten deutlich. Die veränderte Artenzusammensetzung der Baumarten wirkt sich direkt auf die lokale Insektenvielfalt und die Vogelvielfalt aus. Klimawandel und zunehmende Trockenheit beschleunigen diese Entwicklung und begünstigen die Ansiedlung von Schädlingen. Letztlich braucht es dann vollkommen neue Strategien für die forstwirtschaftliche und die touristische Nutzung der entsprechenden Flächen – und natürlich auch nachhaltige Konzepte zum Schutz biodiverser Ökosysteme.
Ich verstehe systemisches Denken als eine Lernstrategie, die man im naturwissenschaftlichen Unterricht gezielt fördern kann. Wir untersuchen, welche kognitiven, metakognitiven, motivationalen und unterrichtlichen Faktoren den Lernstrategieerwerb begünstigen.
Welche weiteren Themen treiben Sie aktuell in Ihrer Forschung um?
Ein zweiter Schwerpunkt ist das Lernen mit digitalen Medien. In einem Projekt mit Studierenden haben wir Terrarien mit Landasseln mit Sensoren und Kameras ausgestattet. Studierende konnten Daten erheben, programmieren und gleichzeitig ökologische Zusammenhänge untersuchen.
Mein dritter Schwerpunkt liegt im Bereich bioethischer Diskurse im Unterricht. Mich interessiert, wie Lehrkräfte lernen, mit Schülerinnen und Schülern über komplexe, gesellschaftlich relevante Fragen zu sprechen – etwa darüber, welche Verantwortung wir gegenüber der Natur und zukünftigen Generationen tragen. Das stellt viele Lehrkräfte vor Herausforderungen, weil es nicht nur um fachliches Wissen geht, sondern auch darum, eigene Werthaltungen zu reflektieren. In unserer Forschung untersuchen wir daher, wie Lehrkräfte dafür professionalisiert werden können – sowohl im Umgang mit Diskussionen als auch im Bewusstsein dafür, welche Werte sie im Unterricht vermitteln.
Was ist Ihnen in der Lehre wichtig?
Studierende sollen lernen, die Perspektive der Schülerinnen und Schüler einzunehmen. Sie bringen nämlich zu vielen naturwissenschaftlichen Phänomenen plausible Alltagsvorstellungen mit. Die sind fachlich oft nicht ganz angemessen, funktionieren aber im Alltag erstaunlich gut. Gute Lehre knüpft daran an und entwickelt daraus fachlich tragfähige Erklärungen. Je besser die Studierenden selbst die fachlichen Konzepte verstanden haben, umso besser gelingt es ihnen auch, die Perspektive der Lernenden nachzuvollziehen und produktiv aufzugreifen.
Ein zweiter wichtiger Punkt sind die naturwissenschaftlichen Arbeitsweisen. Beobachten, mikroskopieren, experimentieren, Daten erheben – all das gehört zum Kern der Naturwissenschaften, kommt im Unterricht aber oft zu kurz. Studierende sollen deshalb selbst erfahren, wie man solche Prozesse sinnvoll anleitet.
Und schließlich geht es darum, mit Unsicherheiten umzugehen. Gerade bei ethischen Fragen gibt es oft keine einfachen Antworten.
Wie möchten Sie Ihre Studierenden begleiten?
Ich wünsche mir, dass Studierende ihre eigene Professionalisierung ernst nehmen und selbstbewusst gestalten. Zum einen tragen sie gegenüber ihren zukünftigen Lernenden bereits jetzt Verantwortung. Jedes Lernangebot, das sie jetzt wahrnehmen, jede Diskussion, an der sie sich jetzt beteiligen und jede Unterstützung, die sie jetzt aktiv einfordern, hilft ihnen, dieser Verantwortung besser gerecht zu werden. Das erfordert Engagement und Eigeninitiative.
Zum anderen hörte man im Vorbereitungsdienst leider manchmal auch den Satz: „Vergiss am besten alles, was du an der Uni gelernt hast.“ Hier wünsche ich mir, dass die Studierenden selbstbewusst sagen können: „Nein. Ich habe an der Universität wichtige fachliche und didaktische Kompetenzen entwickelt. Darauf möchte ich jetzt aufbauen.“ Glücklicherweise arbeiten die Akteure und Akteurinnen in der ersten und zweiten Phase der Lehrkräftebildung immer enger zusammen, um genau diese kontinuierliche Professionalisierung zu unterstützen.
Warum sollte man aus Ihrer Sicht Lehramt studieren?
Weil die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern unglaublich sinnstiftend ist. Zu sehen, wie jemand plötzlich etwas versteht, ist etwas sehr Besonderes. Dazu kommt: Schule ist heute viel stärker ein gemeinschaftliches Projekt als früher. Man arbeitet mit Kolleginnen und Kollegen zusammen, entwickelt Unterricht und Schule weiter und kann sie aktiv mitgestalten.
Und warum Didaktik der Naturwissenschaften?
Weil Naturwissenschaften die eigene Sicht auf die Welt verändern können. Man versteht den eigenen Körper besser, das Verhalten anderer, ökologische Zusammenhänge, Vorgänge aus dem Alltag. Wenn es gelingt, diese Themen lebensnah zu vermitteln, dann kann daraus unglaublich guter Unterricht entstehen.
Vielen Dank für das Gespräch!
