Mehr Verständnis für eine verflochtene Welt

Neue Professorin Yvonne Albers über Arabistik und gesellschaftliche Verantwortung der Geisteswissenschaften

  • Menschen
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  • 24.09.2026
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  • Hannah Fischer

Die Geschichte der arabischen Welt und die deutsche Geschichte sind enger miteinander verflochten, als vielen Menschen bewusst ist. Diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, versteht Prof. Dr. Yvonne Albers als eine wichtige Aufgabe der Arabistik. Seit dem Sommersemester 2026 ist sie Professorin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Im Interview spricht sie über ihre Forschung, ihre Zeit in Beirut und darüber, warum Universitäten Orte des offenen Austauschs sein sollten.

Liebe Frau Albers, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?

Yvonne Albers: Meine Forschung beschäftigt sich mit der Kulturgeschichte der arabischen Welt im 20. Jahrhundert. Vor allem interessieren mich die Schnittstellen von Medien-, Ideen-, Literatur- und Kunstgeschichte. Über mehrere Jahre habe ich mich zum Beispiel intensiv mit Zeitschriften beschäftigt. Ich bin der Frage nachgegangen, welche Rolle sie für die moderne arabische Literatur- und Ideengeschichte spielen.

Was kann man aus Zeitschriften lernen?

Zeitschriftenforschung erschien mir anfangs ehrlich gesagt eher dröge. Inzwischen habe ich sie aber als eine Art Zeitmaschine schätzen gelernt. Zeitschriften ziehen uns unmittelbar in die Epoche hinein, in der sie entstanden sind. In ihnen lassen sich Literatur und politische Ideengeschichte nicht als getrennte Sphären, sondern in ihrer Wechselwirkung verfolgen. Zugleich sind Zeitschriften wichtige Orte transnationaler Austauschprozesse. Sie werden in verschiedenen Ländern gelesen und auch ihre Autorinnen und Autoren kommen aus unterschiedlichen Regionen. Die Geschichte einer Zeitschrift lässt sich deshalb kaum als reine Nationalgeschichte erzählen. Sie ist immer auch eine Geschichte von grenzüberschreitenden Bewegungen und Verbindungen.

Welche historische Phase interessiert Sie besonders?

Ein Schwerpunkt sind die sogenannten Langen arabischen 1960er-Jahre, also ungefähr die Zeit von den 1950er- bis in die späten 1970er-Jahre. Diese Epoche war geprägt von dekolonialen Bewegungen, dem Kalten Krieg und politischen Frontenbildungen. Zeitschriften waren damals wichtige Verbindungslinien zwischen der arabischen Welt, Europa und Teilen des sogenannten Globalen Südens. An ihnen lässt sich nachvollziehen, wie sich intellektuelle, politische und künstlerische Netzwerke gebildet und aufrechterhalten haben.

Womit möchten Sie sich künftig an der Universität Bamberg beschäftigen?

Ich möchte weiterhin zur transnationalen arabischen Kulturgeschichte forschen. Besonders interessieren mich die Entwicklung des Begriffs der Kritik im arabischen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Frage, wie sich eine arabisch-deutsche Kulturgeschichte in der Moderne erzählen lässt – etwa über Medien und künstlerische Ausdrucksformen.

Mir ist wichtig zu zeigen, dass es sich dabei um eine Verflechtungsgeschichte handelt, in der die arabische Welt nicht losgelöst von Deutschland und Europa betrachtet werden kann. Gerade angesichts aktueller geopolitischer Entwicklungen und einer oft polarisierten öffentlichen Debatte sehe ich darin eine wichtige Aufgabe der Arabistik: historische und kulturelle Zusammenhänge sichtbar zu machen und ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft verständlich zu vermitteln.

Welcher Weg hat Sie nach Bamberg geführt?

Mein wissenschaftlicher Weg hat mich über Leipzig, Marburg, Beirut und Berlin nach Bamberg geführt. In Leipzig habe ich Theaterwissenschaft mit den Nebenfächern Philosophie und Arabistik studiert. Nach meiner Promotion am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Universität Marburg lebte und arbeitete ich mehrere Jahre in Beirut und war dort unter anderem am Orient-Institut Beirut und an der American University of Beirut affiliiert. Anschließend wechselte ich an die Freie Universität Berlin zum Exzellenzcluster Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective. Nach Bamberg hat mich schließlich die besondere Fächervielfalt gezogen: Das Institut vereint die Disziplinen Arabistik, Iranistik, Turkologie, Islamwissenschaft, Judaistik und islamische Kunstgeschichte – das ist eine Konstellation, die in Deutschland einzigartig ist.

Was haben Sie genau in Beirut gemacht?

Beirut ist für mich zugleich Forschungsort und Familienort. Meine Familie väterlicherseits stammt aus Syrien und Libanon und ich habe dort meine eigene Familie gegründet. Außerdem habe ich in Beirut einen großen Teil meiner Doktorarbeit geschrieben, in der ich mich mit der bedeutenden Beiruter Kulturzeitschrift Mawaqif beschäftigt habe, die zwischen 1968 und 1994 erschien. In Beirut habe ich mit ehemaligen Herausgebern und anderen Beteiligten Interviews geführt. Diese Gespräche haben meinen Blick auf die Geistesgeschichte geprägt. Mir wurde deutlich, dass sie immer ein Gemeinschaftsprojekt ist – geprägt von Freundschaften, enger Zusammenarbeit, aber auch von Auseinandersetzungen und handfesten Konflikten. Deshalb interessieren mich heute nicht nur einzelne Persönlichkeiten der arabischen Intellectual History, sondern vor allem Netzwerke, in denen Ideen kollektiv entstehen und weiterentwickelt werden. 

Wo sehen Sie mit Ihrer Forschung Anknüpfungspunkte innerhalb der Universität?

Interdisziplinäres Arbeiten begleitet mich spätestens seit meiner Promotion. Deshalb sehe ich innerhalb des Instituts ebenso wie in der gesamten Fakultät viele Anknüpfungspunkte – etwa in Fragen von Literatur und Medien, Migration und transnationaler Kulturgeschichte. In die Planungen für das Zentrum Plurale Moderne möchte ich mich ebenso einbringen wie in den Austausch mit den Digital Humanities. Darüber hinaus möchte ich mich zu Themen wie Migration und (Post-)Kolonialismus mit Kolleginnen und Kollegen der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften vernetzen.

Was ist Ihnen in der Lehre besonders wichtig?

Der Seminarraum soll ein vertrauensvoller Diskursraum sein. An einer Universität müssen wir miteinander diskutieren und streiten, ohne dabei dauerhaft weiter zu polarisieren. Gerade in unserem Fach treffen unterschiedliche Geschichten, Biografien und politische Perspektiven aufeinander. Darin liegt eine Herausforderung, aber auch eine große Chance. Die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge einzuordnen und kontroverse Fragen auf der Grundlage von Wissen zu diskutieren, wird schließlich nicht nur an der Universität gebraucht. 

Warum sollte man Arabistik studieren?

Zunächst einmal, weil Arabisch eine unglaublich schöne Sprache ist. Mit ihr ist eine außerordentlich reiche Texttradition von Literatur und Wissenschaften verbunden, die bis ins 8. Jahrhundert zurückreicht. Gleichzeitig ist sie eine Weltsprache, die von weit über 300 Millionen Menschen gesprochen wird. Auch in Deutschland ist Arabisch heute eine sehr präsente Sprache und ein junger Beleg dafür, wie eng die arabische Welt und Europa seit dem Ende der Antike miteinander verflochten sind. Wer Arabistik studiert, lernt deshalb nicht nur eine andere Region kennen, sondern gewinnt auch neue Perspektiven auf die europäische und deutsche Geschichte. 

Wir erleben seit vielen Jahren, dass über viele Themen, die die arabische Welt betreffen, sehr kontrovers und oft stark polarisiert diskutiert wird. Umso wichtiger ist es, dass es an Universitäten Orte gibt, an denen diese Fragen wissenschaftlich erforscht und eingeordnet werden können. Ich sehe darin durchaus einen gesellschaftlichen Auftrag unseres Fachs. Wir bilden Menschen aus, die ihre Expertise später nicht nur an Universitäten einbringen, sondern auch in Medien, Politik, Kultur sowie Behörden und Nichtregierungsorganisationen. Es geht darum, komplexe historische und kulturelle Zusammenhänge verständlich zu machen und so zu einer informierten öffentlichen Debatte beizutragen. Das kann allerdings niemand allein leisten – dafür braucht es die Zusammenarbeit vieler Forschender und die Sicherung regionalbezogener Disziplinen an unseren Universitäten.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Seite 178098, aktualisiert 24.09.2026