Soziale Herkunft: Ressource statt Bildungsbremse?! | aus uni.kat 2026/1

Wie die Universität Bamberg Studierende der ersten Generation fördert

  • Menschen
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  • 13.07.2026
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  • Tanja Eisenach
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  • Lesedauer: 8 Minuten

Besonders Studierende aus nicht-akademischen Familien stoßen an Hochschulen auf unsichtbare Hürden. Die Geschichte von Annelie Faber zeigt, was es bedeutet, als Erste aus der Familie zu studieren – und wie wichtig es ist, Barrieren im Studium abzubauen und soziale Durchlässigkeit zu fördern.

Der soziale Aufstieg in Deutschland dauert lange. Sehr lange. Laut der OECD-Studie A Broken Social Elevator? How to Promote Social Mobility von 2018 benötigt der Weg vom unteren Einkommensbereich in die gesellschaftliche Mitte im Schnitt sechs Generationen – mehr als 150 Jahre. In Skandinavien reichen zwei bis drei Generationen. Eine Ursache dafür sind strukturelle Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem. Die soziale Herkunft entscheidet maßgeblich über Bildungserfolg. Besonders deutlich wird dies bei Studierenden aus Familien ohne Hochschulerfahrung. Laut Bildungstrichter des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung beginnen 78 von 100 Kindern aus akademischen Familien ein Studium, bei Kindern aus nicht-akademischen Elternhäusern sind es nur 25.

Eines von ihnen ist Annelie Faber. Die zweifache Mutter und Leiterin der Programmentwicklung sowie Chefmoderatorin bei TV Oberfranken steht kurz vor ihrem Masterabschluss. Der Weg dorthin war steinig. Nach ihrem Abitur in Halle (Saale) begann sie ein Psychologiestudium an der Universität Bamberg, das sie aufgrund starker Prüfungsangst abbrach. Es folgten ein Volontariat bei TV Oberfranken und viele Jahre als Leiterin des Studios Bamberg. Nach der Geburt ihrer Kinder wagte sie einen zweiten Anlauf: Kommunikationswissenschaft mit den Nebenfächern Germanistik und Geographie. Sie schloss den Bachelor ab, ist jetzt im Master Literatur und Medien eingeschrieben. Dass sie eine sogenannte Erstakademikerin ist, erfuhr sie spät. „Ich kannte den Begriff nicht. Erst am Ende meines Masterstudiums bin ich zufällig darauf gestoßen.“ 

Vielfalt umfasst auch soziale Herkunft

Erfahrungsberichte wie diesen hört Prof. Dr. Sabine Vogt, Vizepräsidentin für Diversität und Internationales, öfter. „Auch andere in der Soziologie und Bildungsforschung gängige Begriffe wie First Generation Academics oder Arbeiterkind sind in der Gesellschaft wenig präsent. Viele Personen, die dieser Gruppe angehören, wissen deshalb gar nicht, dass es Unterstützungsangebote für sie gibt“, stellt sie fest. Hier möchte sie ansetzen. Denn ein Bekenntnis zu Diversität gehört zum Selbstverständnis der Universität Bamberg: Sie ist 2021 der Charta der Vielfalt beigetreten – Deutschlands größter Arbeitgebendeninitiative zur Förderung von Diversität in der Arbeitswelt. Vielfalt hat verschiedene Dimensionen; eine davon ist die soziale Herkunft. „Indem wir das Thema sichtbar machen und Studierende der ersten Generation unterstützen, fördern wir soziale Durchlässigkeit und Teilhabe“, sagt Sabine Vogt. 

Den Diversity-Tag 2025 an der Universität Bamberg widmete sie daher dem Thema Als Erste aus der Familie an der Universität. Vorträge, Workshops und Gespräche schufen Raum für Austausch – und Sichtbarkeit. Daraus ergaben sich wichtige Impulse, wie diese Sichtbarkeit nachhaltig im universitären Leben verankert werden kann. Die Universitätsleitung verstärkt zum Beispiel ihre Zusammenarbeit mit der Bamberger Gruppe des bundesweiten Netzwerks ArbeiterKind.de, das Studierenden der ersten Generation Orientierung geben und Mut machen will. 

Besondere Herausforderungen für Studierende der ersten Generation

Wissenschaftliche Studien belegen: Studierende aus Familien ohne Hochschulerfahrung müssen vor und im Studium besondere Herausforderungen bewältigen. Auch Annelie Faber kennt das. Ihre Eltern, Podologin und Tiefbauer von Beruf, waren für sie da, konnten sie aber weder finanziell noch organisatorisch unterstützen. „Zunächst war das kein Problem. Ich bin es gewohnt, mir selbstständig neue Räume und Aufgaben zu erschließen“, erzählt sie. Erst im Nachhinein fiel ihr auf, wie viel Gewicht auf ihren Schultern lastete. 

Im Psychologiestudium bezog sie BAföG, doch der Betrag reichte nicht, um ihre Kosten für Miete und Lebensunterhalt zu decken. Sie arbeitete nebenher. „Finanzielle Sicherheit hatte für mich oberste Priorität.“ Die Zeit, die nach dem Arbeiten für das Studium blieb, versuchte sie optimal zu nutzen. Auch, um ihrer Familie zu zeigen, dass ihre Entscheidung zu studieren richtig war. Denn es gab einige kritische Stimmen in ihrem sozialen Umfeld, das ebenfalls nicht-akademisch geprägt war. Menschen, die sich durch ihren Bildungsweg verunsichert oder herausgefordert fühlten – und sie dies spüren ließen. Als erste in der Familie zu studieren, das bedeutete für sie enorme Motivation und enormen Druck zugleich. 

Orientierung und Hilfestellung im komplexen Universitätssystem

Dieser Druck manifestierte sich immer mehr in Prüfungsangst. Anlaufstellen an der Universität hätte es gegeben, doch Annelie Faber kannte sie nicht. Vorbilder, die ihr zeigen, wie man mit solchen Situationen umgeht, fehlten. Die Angst wurde zu groß, sie brach ihr Studium ab. Mit solchen Erfahrungen ist Annelie Faber nicht allein. „Studierende nicht-akademischer Herkunft berichten oft von Schwierigkeiten im Studienalltag“, sagt Sabine Vogt. „Zuständigkeiten, studentische Pflichten und Rechte, Hilfsangebote, eine voraussetzungsreiche Sprache. Das zu verstehen ist für alle am Anfang des Studiums herausfordernd, für diese Zielgruppe oftmals aber ein undurchschaubarer Dschungel.“ 

Dieser Dschungel soll lichter werden. Erste Schritte sind getan: Eine Webseite der Studienberatung gibt Orientierung. Ein Beratungsleitsystem informiert über Anlaufstellen und Unterstützungsangebote. Eine Webseite mit Erfahrungsberichten, Beratungs- und Veranstaltungshinweisen und Ansprechpersonen entsteht. 2025 wurde zudem das Netzwerk Bamberger Erstakademiker*innen gegründet, das Universitätsangehörige und Alumni miteinander verbindet, die als erste aus der Familie studieren oder promovieren, lehren oder forschen. Ziel sind Austausch, Mentoring und dauerhafte Sichtbarkeit. Workshops, Vorträge und Gespräche sollen Lehrende und wissenschaftsstützendes Personal weiter sensibilisieren.

Herkunft als Ressource begreifen

Für Sabine Vogt ist vor allem eines entscheidend: die Betroffenen zu ermutigen, sichtbar zu werden. Viele fürchteten, aufzufallen oder als ungebildet zu gelten und schämten sich für ihre vermeintlichen Defizite. Dabei brächten Studierende der ersten Generation oft besondere Stärken mit wie Eigenständigkeit, Zielstrebigkeit oder Durchhaltevermögen. Das sieht auch Annelie Faber so. Sie selbst hat den Uniabschluss im zweiten Anlauf geschafft. Durch ihre Arbeit vor der Kamera lernte sie, sicher aufzutreten und mit Druck umzugehen. Dies gab ihr Rückhalt. Studium, Beruf und Familie unter einen Hut bringen zu müssen, sorgte zusätzlich für klare Strukturen und effektives Zeitmanagement. „Die eigene Herkunft kann eine Ressource sein. Wer als Erste oder Erster studiert, beweist Mut und Pioniergeist.“

Diese Ressource gilt es möglichst früh in Kindheit und Schulzeit zu aktivieren: „Kinder ohne akademischen Hintergrund sollten schon in der Schule für die Möglichkeit eines Studiums sensibilisiert werden. Chancengleichheit muss früh beginnen – nicht erst an der Universität“, fordert Annelie Faber. Die Universität Bamberg setzt sich dafür schon lange in Bereichen wie Bildungsforschung und Lehrkräftebildung ein; jetzt auch verstärkt in der universitätsweiten Querschnittsaufgabe Diversität. 

Weiterführende Informationen und Anlaufstellen

ArbeiterKind.de – Bamberger Gruppe: arbeiterkind.de/mitmachen/lokale-gruppen/bamberg

First Generation Studium – Zentrale Studienberatung: 
www.uni-bamberg.de/studienberatung/first-generation-studium 

Beratungsleitsystem für Studierende: www.uni-bamberg.de/studium/im-studium/beratung-fuer-studierende

Netzwerk Bamberger Erstakademiker*innen: www.uni-bamberg.de/first-gen 

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Seite 176922, aktualisiert 16.07.2026