„Sprache ist ein mächtiges Werkzeug“

Neue Professorin Lea Schäfer über Sprachgeschichte, historische Mündlichkeit und die Faszination für grammatische Strukturen

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  • 21.05.2026
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  • Hannah Fischer
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  • Lesedauer: 4 Minuten

Seit dem Sommersemester 2026 hat Prof. Dr. Lea Schäfer den Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Bamberg inne. Im Interview spricht sie unter anderem über Sprachwandel, historische Mündlichkeit und darüber, wie handschriftliche Quellen aus Franken dabei helfen, gesprochene Sprache vergangener Jahrhunderte zu rekonstruieren.

Frau Schäfer, welcher Weg hat Sie nach Bamberg geführt?

Lea Schäfer: Ich habe in Marburg Germanistik studiert und anschließend dort promoviert. Meine Dissertation entstand im Rahmen eines DFG-Projekts zum Westjiddischen, also zum Jiddischen im westlichen und zentralen Mitteleuropa. Danach folgten weitere Stationen, unter anderem ein Forschungsstipendium in Düsseldorf, wo ich mich stärker mit dem Ostjiddischen aus Ostmitteleuropa und Osteuropa beschäftigt habe. Das Jiddische ist innerhalb der Germanistik eher ein Exotenfeld – gerade das finde ich spannend. Die Forschungscommunity ist vergleichsweise klein, und in Deutschland gibt es heute nur noch zwei Professuren mit Schwerpunkt Jiddistik. Gleichzeitig ist in diesem Bereich noch unglaublich viel unerforscht. In meiner Habilitation – ebenfalls in Marburg – habe ich mich dann intensiv mit der Grammatik von Eigennamen beschäftigt. Danach bin ich zunächst noch im Rahmen eines DFG-Projekts in Marburg geblieben, bevor ich eine Professur in Kassel angetreten habe. Und jetzt bin ich in Bamberg.

Warum haben Sie sich für Bamberg entschieden?

Der Lehrstuhl genießt besonders in der historischen Sprachwissenschaft einen hervorragenden Ruf. Deshalb war die Ausschreibung für mich sofort interessant – auch, weil Bamberg mit seiner starken Mittelalterforschung viele Anknüpfungspunkte für meine Arbeit bietet. Dazu kommt, dass ich bereits mit Kolleginnen und Kollegen hier, etwa aus der Slavistik, kooperiert habe und auch privat Verbindungen nach Franken bestehen.

Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Ich beschäftige mich mit Sprachwandel und sprachlicher Variation im Deutschen sowie in verwandten Sprachen wie Niederländisch, Friesisch oder Jiddisch. Besonders interessiert mich, wie sich grammatische Strukturen verändern. Ein zentrales Thema ist die Frage, wie sich historische Mündlichkeit rekonstruieren lässt. Sprache ist zunächst etwas Gesprochenes – Schrift ist immer nur ein Filter davon. Unsere „Zeitmaschine“ ist deshalb die Schrift: Über Texte versuchen wir herauszufinden, wie Menschen früher gesprochen haben. Besonders spannend sind dabei Quellen von wenig geübten Schreiberinnen und Schreibern, die oft näher an der gesprochenen Sprache schreiben.

Mit welchen Quellen arbeiten Sie dabei konkret?

Im Moment beschäftige ich mich unter anderem mit einer Handschrift aus Mitwitz, die heute im Staatsarchiv Bamberg liegt. Zwei Handwerksbrüder haben dort im 17. Jahrhundert eine Art Ortschronik geschrieben – sehr mündlichkeitsnah und sprachlich ausgesprochen spannend. Entstanden ist der Text in einer historisch sehr bewegten Zeit rund um den Dreißigjährigen Krieg. Gerade solche Quellen sind für uns besonders wertvoll, weil sich darin grammatische Strukturen finden, die nah an der gesprochenen Sprache liegen – und die man zum Teil bis heute im Fränkischen hört.

Außerdem arbeite ich mit Theatertexten der Frühen Neuzeit, in denen bestimmte Figuren Dialekt sprechen, etwa Bauern- oder Narrenfiguren. Und ich schaue mir historische Rechtstexte, sogenannte Weistümer, an. Das sind Texte, die ursprünglich oft mündlich überliefert wurden. 

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Forschung nennen, das besonders anschaulich zeigt, womit Sie sich beschäftigen?

Ein gutes Beispiel ist meine Forschung zu Eigennamen und der Frage, wie sie grammatisch verwendet werden. Eigennamen nehmen sprachlich eine absolute Sonderstellung ein und verhalten sich in weiten Teilen völlig anders als normale Substantive. Das sehen wir zum Beispiel in der Verwendung des bestimmten Artikels, der bei Eigennamen regional optional, aber bei anderen Substantiven absolut notwendig ist: Ich sehe Hans wäre nicht nur absolut grammatisch, sondern sogar die standardsprachlich präferierte Form, während Ich sehe Tisch ungrammarisch ist. 

Während in den meisten germanischen Sprachen historisch ein massiver Abbau von Fallendungen stattgefunden hat, sehen wir, dass Eigennamen zudem in vielen Dialekten und Sprachstufen besondere grammatische Formen bewahren oder neu ausbilden. Etwa Endungen wie in bei Goethen oder das possessive „-s“ in Marias Buch. Der Grund dafür ist faszinierend: Denn das hängt unter anderem damit zusammen, dass Eigennamen hochbelebte, konkrete Personen bezeichnen, während ein Wort wie Tisch ein unbelebtes Objekt meint. Mich interessiert besonders, wie Morphologie, Syntax und Semantik bei diesen Phänomenen interagieren, wie solche Formen historisch entstanden sind und wie sie sich regional unterscheiden. Dafür arbeite ich sowohl mit historischen Quellen und Dialektatlanten als auch mit aktuellen Sprachdaten aus Umfragen zu heutigen Dialekten.

Wo sehen Sie in Bamberg Anknüpfungspunkte für Ihre Forschung?

Da gibt es einige. Besonders spannend finde ich die Verbindungen zur Mittelalterforschung. Gerade der Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit ist sprachlich und kulturell hochinteressant. Außerdem interessiert mich die Forschungsinitiative Jüdischkeit. Franken war über Jahrhunderte ein wichtiger Ort jüdischen Lebens. Viele dieser Geschichten sind heute kaum noch sichtbar, obwohl sie tief in der Region verankert sind. Ich hoffe, dort künftig auch sprachgeschichtliche Perspektiven einbringen zu können.

Was ist Ihnen in der Lehre besonders wichtig?

Mir ist wichtig, dass Studierende lernen, wissenschaftlich zu denken. Es geht nicht darum, Lautverschiebungen auswendig zu lernen, sondern zu verstehen, welche Mechanismen dahinterstehen und wie man sprachwissenschaftliche Daten sinnvoll interpretiert. Didaktisch arbeite ich reduziert und teilweise bewusst analog. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es vielen Studierenden hilft, wenn Inhalte Schritt für Schritt entstehen – etwa an der Tafel –, statt fertige Folien präsentiert zu bekommen. 

Warum sollte man heute Germanistik studieren?

Ich würde sagen, dass man sich generell mit Philologien beschäftigen sollte, weil Sprache ein mächtiges Werkzeug ist und man sich damit letztlich mit dem Menschsein beschäftigt. Sprache formt unser Denken, gleichzeitig formen wir mit unserem Denken die Sprache. Sprachwissenschaft ist deshalb eine faszinierende Schnittstellenwissenschaft: Sie verbindet kulturelle, historische und soziale Fragen mit analytischem und teilweise sogar naturwissenschaftlichem Arbeiten. Und Sprache ist überall – in Literatur, in Medien, im Alltag, in Politik und Gesellschaft. Wer sich mit Sprache beschäftigt, beschäftigt sich immer auch mit Menschen und ihrer Kultur.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Seite 176183, aktualisiert 21.05.2026