Wie werden aus jungen Menschen professionelle pädagogische Fachkräfte? Und wie müssen Lehrkräfte ausgebildet werden, um sie auf eine Arbeitswelt vorzubereiten, die sich durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und gesellschaftliche Veränderungen rasant wandelt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Manuela Liebig. Seit April 2026 verstärkt sie die Universität Bamberg als Professorin für Berufliche Bildung mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogische Handlungsfelder. Im Interview erzählt sie, was sie an Bamberg besonders schätzt, welche Forschungsthemen sie bewegen und warum Reflexion für sie der Schlüssel zu guter Lehre ist.
Frau Professorin Liebig, was hat Sie nach Bamberg geführt?
Manuela Liebig: Ich habe Lehramt für berufsbildende Schulen mit der Fachrichtung Sozialpädagogik an der Technischen Universität Dresden studiert, dort promoviert und viele Jahre gearbeitet. Bamberg kannte ich allerdings schon lange. Der Standort hat in der Ausbildung von Lehrkräften für sozialpädagogische Berufe eine besondere Tradition: Hier wurde einer der ersten Studiengänge dieser Art in Deutschland eingerichtet.
Für unsere Fachcommunity ist es deshalb ein wichtiges Signal, dass die Universität Bamberg nun eine eigene Professur für diesen Bereich geschaffen hat. Die Didaktik der Sozialpädagogik ist noch ein vergleichsweise kleines Forschungsfeld. Eine eigenständige Professur schafft dafür Sichtbarkeit und eröffnet neue Entwicklungsmöglichkeiten.
Wie haben Sie Stadt und Universität bisher erlebt?
Da ich unweit der fränkischen Grenze aufgewachsen bin, war ich schon als Schülerin auf Klassenfahrt hier. Später kam ich regelmäßig zu Fachtagungen in die Stadt. An der Universität hat mich vor allem die Offenheit beeindruckt. Ich habe in den ersten Wochen unglaublich viele Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, die aktiv auf mich zugegangen sind. Besonders positiv überrascht hat mich auch die Universitätskultur. Ich habe den Eindruck, dass Werte wie Wertschätzung und Offenheit tatsächlich gelebt werden. Das zeigt sich im kollegialen Miteinander ebenso wie im Umgang der Hochschulleitung mit den Beschäftigten. Auch während des Berufungsverfahrens habe ich die Universität insgesamt als sehr unterstützend erlebt – von der Hochschulleitung über die Verwaltung bis hin zu den Serviceeinrichtungen. Das hat mir das Ankommen in Bamberg deutlich erleichtert.
Mit welchen Forschungsthemen beschäftigen Sie sich?
Meine Forschung hat im Wesentlichen drei Schwerpunkte. Zum einen geht es um die Didaktik der Sozialpädagogik: Also wie können aus jungen Menschen professionell handelnde pädagogische Fachkräfte werden?
Daran schließt sich die Frage an, wie wir Lehrkräfte ausbilden müssen, die später selbst pädagogische Fachkräfte qualifizieren. Das ist eine Besonderheit unseres Feldes: Wir bilden Menschen aus, die wiederum andere Menschen pädagogisch begleiten und ausbilden.
Ein dritter Schwerpunkt betrifft gesellschaftliche Veränderungsprozesse – insbesondere Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit und Diversität. Mich interessiert nicht nur, welche Kompetenzen künftig benötigt werden. Ich frage auch, wie diese Entwicklungen pädagogisches Handeln verändern und welche ethischen Fragen sich daraus ergeben.
Gibt es ein Forschungsprojekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
An der TU Dresden habe ich in einem Verbundprojekt zur beruflichen Lehrkräftebildung an sogenannten Berufsfeldanalysen gearbeitet. Dabei haben wir untersucht, was sozialpädagogische Berufe im Kern ausmacht: Welche Aufgaben sind so zentral, dass man den Beruf ohne sie kaum noch beschreiben könnte? Uns ging es aber nicht nur darum, diese Kernaufgaben zu identifizieren. Wir wollten auch verstehen, welche Kompetenzen Fachkräfte dafür benötigen und was das wiederum für die Ausbildung von Erzieherinnen, Erziehern und Lehrkräften bedeutet.
Besonders spannend war, dass auch Studierende in das Projekt eingebunden waren. Sie haben die Berufsfeldanalysen selbst mit durchgeführt und konnten sich so forschend mit der Praxis auseinandersetzen. Das hat viele Reflexionsprozesse angestoßen: Was passiert in der Praxis tatsächlich? Welche Vorstellungen bringen wir mit? Und wo gibt es vielleicht auch Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit?
Wo sehen Sie Möglichkeiten für Kooperationen innerhalb der Universität?
Da gibt es viele. Besonders naheliegend sind natürlich Kooperationen mit dem Zentrum für Lehrinnen- und Lehrerbildung oder der Wirtschaftspädagogik. Wir beschäftigen uns zwar mit unterschiedlichen Berufsfeldern, bewegen uns aber im gleichen Bildungssystem und teilen viele Fragestellungen.
Darüber hinaus sehe ich großes Potenzial bei Themen wie Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. An der Universität Bamberg gibt es dazu bereits zahlreiche Projekte und Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen. Das eröffnet spannende Perspektiven für gemeinsame Forschung.
Was ist Ihnen in der Lehre besonders wichtig?
Ich möchte Studierende dazu anregen, über Dinge wirklich tief nachzudenken. Wichtig ist mir, dass sie verstehen, warum bestimmte Konzepte entstanden sind, welche Annahmen dahinterstehen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Die schönsten Momente sind für mich, wenn Studierende erzählen, dass sie plötzlich anders auf ihre Umwelt schauen. Eine Studentin sagte einmal zu mir: „Seit Ihrem Seminar schaue ich Nachrichten anders.“ Universitäten haben aus meiner Sicht auch einen gesellschaftlichen Auftrag. Wir sollen junge Menschen dabei unterstützen, mündige Bürgerinnen und Bürger zu werden. Diesen Auftrag nehme ich sehr ernst.
Warum sollte man Ihr Fach studieren?
Weil Lehrerin oder Lehrer zu sein ein unglaublich erfüllender Beruf sein kann. Gerade in der beruflichen Bildung erlebt man oft, wie Schülerinnen und Schüler wachsen, neue Perspektiven entwickeln und manchmal auch Ziele erreichen, die sie sich selbst vorher nicht zugetraut hätten. Hinzu kommt in unserem Bereich eine besondere Verantwortung: Unsere Absolventinnen und Absolventen werden später selbst Lehrkräfte und bilden wiederum unter anderem Erzieherinnen und Erzieher aus. Sie tragen also dazu bei, die pädagogischen Fachkräfte von morgen zu qualifizieren. Besonders schön finde ich, dass viele Studierende sich für unseren Studiengang entscheiden, weil sie selbst inspirierende Lehrkräfte erlebt haben. Gute Lehrkräfte sind letztlich die beste Werbung für den Beruf.
Vielen Dank für das Gespräch!
